Reisebilder aus der Ukraine, der Slowakei, Rumänien und Osteuropa. Reflexionen zum Alltag, Reiseberichte, Kurioses und Interessantes vom Zusammenleben der Völker, Privates für Freunde und Bekannte...
Donnerstag, 7. Januar 2016
Terrorgefahr in Leipzig
Nein, liebe Freunde vom BND, Entwarnung: Der Typ in Ninja- Outfit ist weder der gesuchte Kofferbomber von Leipzig noch der Grapscher von Köln- Hauptbahnhof! Allerdings hat er eine - oben leider nur schlecht erkennbare - nordafrikanische Waffe: Original malisches (früher sagte man mal "malinesisches") Zierschwert! Also aufgepasst, vielleicht ist der Typ (auch wegen seiner linken Gesinnung!) ja doch gefährlich. Kurz, die Warnung passt: Mindestens einen Meter Abstand halten! ;-)
Mit DER Kopfbedeckung passt der Typ natürlich auch in die ATO- Zone zwischen Donezk und Luhansk. Bloß das Elch- Kerlchen auf der Mütze (Bild unten) sieht ein bisschen harmlos aus, oder? ;-) Wie dem auch sei. Das Rätsel löst sich, wenn man die Außentemperaturen, die weiße Schneedecke und den Wunsch, mit Tochter wenigstens auf die 6,5 km- Strecke zu gehen, in Übereinstimmung zu bringen sucht. Übrigens: 6,5 km nicht etwa, weil Anka nicht auch 10 schaffen würde. Geheimnis (ganz leise): Sie ist zu schnell für mich und ich habe Mühe, die 6.5 hinterher zu kommen! ;-) ;-) ;-)
Sonntag, 3. Januar 2016
Sungs Laden- ein zauberhaftes Märchen
Zu schön, um wahr zu sein. Oder doch nicht? Ein griesgrämiger Schulleiter, der es doch einst besser wusste, fürchtet während einer kleinen Erzählung aus dem Vietnam des Krieges in den satten Vor- Weihnachtstagen einer viel späteren Zeit, es könnte zu viel "kommunistische Propaganda" von der Bühne seiner Schule verbreitet werden und ihm kurz vor der Pension noch Ärger machen. Ein Jahr später steht er in Sungs Laden und glaubt kaum, dass DAS alles an seiner Schule begonnen hat...
Karin Kalisa baut Schritt für Schritt die schier unglaubliche Veränderung eines Ostberliner Kiezes zu einer Oase der Völkerverständigung und des neuen Miteinander auf, eines Miteinander, dem sich weder Zugewanderte noch Einheimische verschließen können. Nein, es gibt keine Rückschläge trotz (oder gerade wegen) der untergründigen Trauer, die mit Blick auf die Vergangenheit mitschwingt. Das ist märchenhaft. Ein Märchen (für Erwachsene) also? Ja, aber ein so zauberhaft, so poetisch in unserer prosaischen Zeit angesiedeltes, dass man es lieber glauben möchte als es scheitern zu sehen!
Poesie, sagt man, ist Poesie, weil sie in uns Saiten zum Schwingen bringt, von deren Existenz wir vorher nichts wussten, oder die wir vergessen haben. Verdrängt, würden Freudianer meinen, denn Kinder wissen (natürlich!) darum. Was wir verdrängt haben klingt leise an. Kalisas heimliche Hauptfigur, das Gravitationszentrum der Weisheit und Güte, Hién,eine alte Frau, die für ihre vietnamesischen Mitbürger Deutschkurse gibt, verzichtet nicht auf die alten Lehrbücher aus der DDR, will das Wort "Solidarität" nicht in verstaubten Ecken liegen lassen. Sie weiß um den Schindluder, der mit dieser Idee getrieben wurde, aber sie glaubt an ihre Substanz und weiß, wo sie in den Menschen verborgen liegt...
Was sich dann entfaltet, spricht das Kindliche in unseren Seelen an, die Sehnsucht nach Harmonie und den Sieg des Guten (und Vernünftigen) über das Böse- symbolisiert in einer alten und oft als Pfand gebrauchten Puppe und im wiederentdeckten vietnamesischen Puppenspiel. Und das Kindliche ist das Schlechteste nicht. Wie nebenbei gelingt es Karin Kalisa zu zeigen, was wir gewinnen könnten, wenn wir unsere Herzen fremden Kulturen und unsere Neugier den neuen Mitbürgern öffnen würden. Das ist große Literatur, die ganz leicht, ganz zart, ganz unprätentiös und wenn schon mit einer Moral, dann mit der eines Märchens in unsere Zeit kommt. Die Lektüre sei ausdrücklich empfohlen.
Apropos: Im Roman entdeckt eine der Figuren die Schönheit diakritischer Zeichen, mit denen das lateinisch geschriebene Vietnamesisch die neun Tonhöhenunterschiede seiner melodischen Aussprache markiert. Dem C.H.Beck-Verlag und seinem Lektor sei gedankt, vietnamesische Namen und originalsprachliche Passagen in ihrer richtigen Form wiedergegeben zu haben. Es ist ein Gebot des Respekts UND STÖRT KEIN BISSCHEN! (Kalisa, Karin, Sungs Laden, München 2015)
Karin Kalisa baut Schritt für Schritt die schier unglaubliche Veränderung eines Ostberliner Kiezes zu einer Oase der Völkerverständigung und des neuen Miteinander auf, eines Miteinander, dem sich weder Zugewanderte noch Einheimische verschließen können. Nein, es gibt keine Rückschläge trotz (oder gerade wegen) der untergründigen Trauer, die mit Blick auf die Vergangenheit mitschwingt. Das ist märchenhaft. Ein Märchen (für Erwachsene) also? Ja, aber ein so zauberhaft, so poetisch in unserer prosaischen Zeit angesiedeltes, dass man es lieber glauben möchte als es scheitern zu sehen!
Poesie, sagt man, ist Poesie, weil sie in uns Saiten zum Schwingen bringt, von deren Existenz wir vorher nichts wussten, oder die wir vergessen haben. Verdrängt, würden Freudianer meinen, denn Kinder wissen (natürlich!) darum. Was wir verdrängt haben klingt leise an. Kalisas heimliche Hauptfigur, das Gravitationszentrum der Weisheit und Güte, Hién,eine alte Frau, die für ihre vietnamesischen Mitbürger Deutschkurse gibt, verzichtet nicht auf die alten Lehrbücher aus der DDR, will das Wort "Solidarität" nicht in verstaubten Ecken liegen lassen. Sie weiß um den Schindluder, der mit dieser Idee getrieben wurde, aber sie glaubt an ihre Substanz und weiß, wo sie in den Menschen verborgen liegt...
Was sich dann entfaltet, spricht das Kindliche in unseren Seelen an, die Sehnsucht nach Harmonie und den Sieg des Guten (und Vernünftigen) über das Böse- symbolisiert in einer alten und oft als Pfand gebrauchten Puppe und im wiederentdeckten vietnamesischen Puppenspiel. Und das Kindliche ist das Schlechteste nicht. Wie nebenbei gelingt es Karin Kalisa zu zeigen, was wir gewinnen könnten, wenn wir unsere Herzen fremden Kulturen und unsere Neugier den neuen Mitbürgern öffnen würden. Das ist große Literatur, die ganz leicht, ganz zart, ganz unprätentiös und wenn schon mit einer Moral, dann mit der eines Märchens in unsere Zeit kommt. Die Lektüre sei ausdrücklich empfohlen.
Apropos: Im Roman entdeckt eine der Figuren die Schönheit diakritischer Zeichen, mit denen das lateinisch geschriebene Vietnamesisch die neun Tonhöhenunterschiede seiner melodischen Aussprache markiert. Dem C.H.Beck-Verlag und seinem Lektor sei gedankt, vietnamesische Namen und originalsprachliche Passagen in ihrer richtigen Form wiedergegeben zu haben. Es ist ein Gebot des Respekts UND STÖRT KEIN BISSCHEN! (Kalisa, Karin, Sungs Laden, München 2015)
Opfer für die Wissenschaft ;-)
Der Tisch ist geschätzte 5m lang und reicht normalerweise locker für 12 Personen. Wie viele er jetzt beherbergt, ist mir unklar. Ein paar Hundert Angehörige Hirschberger Kaufmannsgeschlechter, und alle heißen Johann- Georg (oder so!), werden es wohl sein. Jedenfalls reiht Anka genealogische Abfolgen Blatt an Blatt...
Heute morgen konnte sie die Blätter noch zur Seite schieben, aber jetzt haben wir eingesehen, dass ein Wissenschaftlerhaushalt Opfer bringen muss: Der Katzentisch, normalerweise steht er auf dem Balkon und reicht kaum für zwei, muss nun reichen. Fragt sich: Wie lange noch? :-(
Aber was tut man nicht alles für die Aufhellung der Geheimnisse des schlesischen Fernhandels mit Weberei- Produkten? :-)
Aber was tut man nicht alles für die Aufhellung der Geheimnisse des schlesischen Fernhandels mit Weberei- Produkten? :-)
Karl Schlögel, Entscheidung in Kiew
Der bekannte Osteuropa- Historiker Karl Schlögel hat Ende 2014 ein gut lesbares und wichtiges Buch über die Ukraine vorgelegt. Gut lesbar, weil ohne jeden Ballast an Fußnoten und weitschweifiger „Wissenschaftlichkeit“, bestechen die Texte durch ihren Informationsgehalt, ihre essayistische Darbietungsform und die atmosphärische Dichte der Beschreibung. Wichtig ist das Buch, weil es die Ukraine als ein zu entdeckendes Land jenseits der abschreckenden Klischees von Armut und Provinzialität vorstellt. Es macht neugierig auf die beschriebenen Städte und provoziert den Unkundigen mit Urteilen wie dem, Kiew sei unzweifelhaft eine der schönsten Städte Europas. Natürlich stimme ich zu. Wer Lviv/ Lemberg, Chernivci/ Czernowitz, Odessa und Kiyv/ Kiew nicht gesehen hat, kann nicht behaupten, „Europa“ zu kennen.
Soweit so gut. Das von Schlögel vorgelegte Buch besticht in seinen Städtebildern durch die Detailkenntnis und eine plastische, „dichte“ Beschreibung. Im analytischen Teil hingegen dominiert ein durch die Enttäuschung über die in Russland ausgebliebenen Reformen verstellter Blick auf die Realität. Vorgestellt wird eine Front- Ukraine, die den heroischen Kampf um Selbstständigkeit nach dem Motto „für unsere und eure Freiheit“ führt. Oligarchen, die sich schamlos Volksvermögen unter den Nagel reißen und die Gewinne ins Ausland verbringen, kommen als schmierige Gestalten nur in der Vergangenheit vor. Man kenne so etwas seit Karl Marx und seinen Analysen der ursprünglichen Akkumulation von Kapital. In der zweiten und dritten Generation würden die Gangster dann seriös und ihre Methoden zivilisiert. Mag sein. In der Ukraine ist allerdings bestenfalls Generation zwei (die der Söhne, Töchter und Schwiegersöhne ec.) am Wirken und selbst die noch im Windschatten der Väter. Nach deren Vorbild machen sie sich weiter den Staat untertan und wenn es die vom Maidan ausgehende erstarkte Zivilgesellschaft der Ukraine gibt, dann führt die Angst der Mächtigen vor Demokratie und Volkswillen höchstens dazu, zur Absicherung der eigenen Interessen auf Privatarmeen (Freiwilligenverbände) und Inkorporation in transnationale Strukturen wie EU, NATO und Bündnisse mit den USA zu setzen. Das blendet Schlögel komplett aus. Für Erkenntnisse über die strategischen Interessen der USA hat er nur Spott übrig. Das Sprechen über „Geopolitik“ ist ihm höchstens einen ironischen Seitenhieb wert. Die deutsche Linke kommt mit ihrer Gleichsetzung von Maidan und Faschismus schlecht weg, zu Recht, wie ich meine, allerdings ist es trotzdem peinlich, dass Schlögel so tut, als gäbe es den Einfluss rechter Politiker und die Angst vor ihrem bewaffneten Arm nicht. Vom „pravy sektor“ ist nicht ein einziges Mal die Rede und es fällt auf, dass Lviv/ Lemberg nur mit einem Text aus dem Jahr 1988 (!) präsent ist. Ebenso wenig werden Zweifel an der Herkunft bzw. den Kommandostrukturen der Todesschützen von der Institutskaja in Kiew erwähnt und der Abschuss des malaysischen Flugzeugs MH-17 durch russische (!) Separatisten gilt ihm als sicher, weil englische Internetaktivisten die Verlegung russischer BUK- Raketen gut dokumentiert hätten.
Hat das Methode? Es hat. Zweifellos ist Schlögel zuzustimmen, wenn er kritisiert, dass die Ukraine von europäischen Politikern wie von den Medien viel zu wenig als eigenes Subjekt von Politik wahrgenommen wurde und wird. Die Ukrainer sind von russischen Machtinteressen und Planspielen bedroht und die Einverleibung der Krim durch Russland ist als Akt der Grenzverschiebung im Nachkriegseuropa höchst gefährlich und als solcher nicht akzeptabel. Russen und Ukrainern könnte es dennoch gelingen, „das Beste aus der Situation zu machen“, wenn sie nach vorne schauen und Beziehungen entwickeln würden, die auf eine Neutralität der Ukraine und die Durchlässigkeit von Grenzen in Osteuropa (und nach Westeuropa) setzt, Säbelrasseln vermeidet und auf die Kraft der familiären und historischen Verbindungen, auf erweiterte Rechte der Krimtataren etc. setzt. Die EU müsste dabei helfen und die USA hätten außen vor zu bleiben und ihre Kriegsschiffe aus dem Schwarzen Meer abzuziehen. Aber das alles ginge nach Meinung eines Historikers, der sonst so verdienstvoll das Zusammenwachsen Europas „von unten her“ beschrieben und in den Focus gerückt hat, nicht, weil in Russland alles auf Putin zugeschnitten und dieser nun mal ein von eurasischen Großmachtideen besessener Schuft sei. Man reibt sich die Augen: Schlögel und die Idee „Männer machen Geschichte“? Und dabei bleibt es nicht. Derselbe Mann, der so einsichtig immer wieder auf die Kraft und die Zähigkeit des russischen Volkes bei der Abwehr von Aggressionen bestanden und dabei auf den ureigenen Beitrag der Ukrainer hingewiesen hat, spricht sich für Krieg aus! Russland bedrohe „unser Europa und unsere europäischen Werte“ und deshalb sei die Abwehr der kommenden Aggression nur „eine Frage politisch- militärischer Zweckmäßigkeit“ (S. 81). Um nicht den von Benda postulierten „Verrat der Intellektuellen“ (ebd.) in der Zwischenkriegszeit zu wiederholen ruft also wieder einmal ein alter Mann die Jugend zu den Waffen. Das ist enttäuschend! Und die dahinter stehende Denke ist gefährlich, weil sie von jemandem kommt, der es a) besser wissen sollte und b) gerade deshalb die Autorität des „Expertentums“ für sich in Anspruch nimmt. Putins (?) Russland und seine innere Unfähigkeit, eine zivilgesellschaftlich und wirtschaftlich moderne gesellschaftliche Ordnung zu errichten, sind sicher Grund genug darüber enttäuscht zu sein, dass ein auf Kenntnisnahme, Versöhnung und Verständigung gerichtetes Lebenswerk von verfehlten Politiken in Frage gestellt wird, einen Umschlag in das Gegenteil rechtfertigen sie nicht. „Dichte Beschreibung“ (Clifford Geertz ) gerät hier an ihre Grenzen und wäre um eine politische und wirtschaftliche, auch militärische Interessen einbeziehende Perspektive zu erweitern, wenn man denn verstehen will, was in der Ukraine abläuft und 2016 noch ablaufen wird.
Soweit so gut. Das von Schlögel vorgelegte Buch besticht in seinen Städtebildern durch die Detailkenntnis und eine plastische, „dichte“ Beschreibung. Im analytischen Teil hingegen dominiert ein durch die Enttäuschung über die in Russland ausgebliebenen Reformen verstellter Blick auf die Realität. Vorgestellt wird eine Front- Ukraine, die den heroischen Kampf um Selbstständigkeit nach dem Motto „für unsere und eure Freiheit“ führt. Oligarchen, die sich schamlos Volksvermögen unter den Nagel reißen und die Gewinne ins Ausland verbringen, kommen als schmierige Gestalten nur in der Vergangenheit vor. Man kenne so etwas seit Karl Marx und seinen Analysen der ursprünglichen Akkumulation von Kapital. In der zweiten und dritten Generation würden die Gangster dann seriös und ihre Methoden zivilisiert. Mag sein. In der Ukraine ist allerdings bestenfalls Generation zwei (die der Söhne, Töchter und Schwiegersöhne ec.) am Wirken und selbst die noch im Windschatten der Väter. Nach deren Vorbild machen sie sich weiter den Staat untertan und wenn es die vom Maidan ausgehende erstarkte Zivilgesellschaft der Ukraine gibt, dann führt die Angst der Mächtigen vor Demokratie und Volkswillen höchstens dazu, zur Absicherung der eigenen Interessen auf Privatarmeen (Freiwilligenverbände) und Inkorporation in transnationale Strukturen wie EU, NATO und Bündnisse mit den USA zu setzen. Das blendet Schlögel komplett aus. Für Erkenntnisse über die strategischen Interessen der USA hat er nur Spott übrig. Das Sprechen über „Geopolitik“ ist ihm höchstens einen ironischen Seitenhieb wert. Die deutsche Linke kommt mit ihrer Gleichsetzung von Maidan und Faschismus schlecht weg, zu Recht, wie ich meine, allerdings ist es trotzdem peinlich, dass Schlögel so tut, als gäbe es den Einfluss rechter Politiker und die Angst vor ihrem bewaffneten Arm nicht. Vom „pravy sektor“ ist nicht ein einziges Mal die Rede und es fällt auf, dass Lviv/ Lemberg nur mit einem Text aus dem Jahr 1988 (!) präsent ist. Ebenso wenig werden Zweifel an der Herkunft bzw. den Kommandostrukturen der Todesschützen von der Institutskaja in Kiew erwähnt und der Abschuss des malaysischen Flugzeugs MH-17 durch russische (!) Separatisten gilt ihm als sicher, weil englische Internetaktivisten die Verlegung russischer BUK- Raketen gut dokumentiert hätten.
Hat das Methode? Es hat. Zweifellos ist Schlögel zuzustimmen, wenn er kritisiert, dass die Ukraine von europäischen Politikern wie von den Medien viel zu wenig als eigenes Subjekt von Politik wahrgenommen wurde und wird. Die Ukrainer sind von russischen Machtinteressen und Planspielen bedroht und die Einverleibung der Krim durch Russland ist als Akt der Grenzverschiebung im Nachkriegseuropa höchst gefährlich und als solcher nicht akzeptabel. Russen und Ukrainern könnte es dennoch gelingen, „das Beste aus der Situation zu machen“, wenn sie nach vorne schauen und Beziehungen entwickeln würden, die auf eine Neutralität der Ukraine und die Durchlässigkeit von Grenzen in Osteuropa (und nach Westeuropa) setzt, Säbelrasseln vermeidet und auf die Kraft der familiären und historischen Verbindungen, auf erweiterte Rechte der Krimtataren etc. setzt. Die EU müsste dabei helfen und die USA hätten außen vor zu bleiben und ihre Kriegsschiffe aus dem Schwarzen Meer abzuziehen. Aber das alles ginge nach Meinung eines Historikers, der sonst so verdienstvoll das Zusammenwachsen Europas „von unten her“ beschrieben und in den Focus gerückt hat, nicht, weil in Russland alles auf Putin zugeschnitten und dieser nun mal ein von eurasischen Großmachtideen besessener Schuft sei. Man reibt sich die Augen: Schlögel und die Idee „Männer machen Geschichte“? Und dabei bleibt es nicht. Derselbe Mann, der so einsichtig immer wieder auf die Kraft und die Zähigkeit des russischen Volkes bei der Abwehr von Aggressionen bestanden und dabei auf den ureigenen Beitrag der Ukrainer hingewiesen hat, spricht sich für Krieg aus! Russland bedrohe „unser Europa und unsere europäischen Werte“ und deshalb sei die Abwehr der kommenden Aggression nur „eine Frage politisch- militärischer Zweckmäßigkeit“ (S. 81). Um nicht den von Benda postulierten „Verrat der Intellektuellen“ (ebd.) in der Zwischenkriegszeit zu wiederholen ruft also wieder einmal ein alter Mann die Jugend zu den Waffen. Das ist enttäuschend! Und die dahinter stehende Denke ist gefährlich, weil sie von jemandem kommt, der es a) besser wissen sollte und b) gerade deshalb die Autorität des „Expertentums“ für sich in Anspruch nimmt. Putins (?) Russland und seine innere Unfähigkeit, eine zivilgesellschaftlich und wirtschaftlich moderne gesellschaftliche Ordnung zu errichten, sind sicher Grund genug darüber enttäuscht zu sein, dass ein auf Kenntnisnahme, Versöhnung und Verständigung gerichtetes Lebenswerk von verfehlten Politiken in Frage gestellt wird, einen Umschlag in das Gegenteil rechtfertigen sie nicht. „Dichte Beschreibung“ (Clifford Geertz ) gerät hier an ihre Grenzen und wäre um eine politische und wirtschaftliche, auch militärische Interessen einbeziehende Perspektive zu erweitern, wenn man denn verstehen will, was in der Ukraine abläuft und 2016 noch ablaufen wird.
Sonntag, 6. Dezember 2015
Subotica
Nachdem ich in Bratislava brav die DSD- Prüfungsunterlagen unserer sieben ostslowakischen Schulen abgeliefert und mich einen Abend gelangweilt hatte, traf ich am Freitag zum Kaffee wieder einmal bei Berta und Fredl in Subotica ein. Die Grenzpassage ging schnell und problemlos. Seit Orbans Stacheldrahtzaun die Grenze abriegelt, sind die Flüchtlinge woanders hin gezogen. Nichts erinnerte mehr an das Biwak, das sich bis vor Kurzem dort befunden haben soll. Nur der frische Zaun strahlte metallen in der Sonne...
Nach einen herrlichen Essen gingen Fredl und ich mit Alex, einem Kollegen vom ungarischen Gymnasium, ins "Stara", einer Pizzeria, an die ich mich gewöhnen könnte! Alex hatte Theaterkarten für uns und wir vertrieben uns die Zeit bis 22.00 Uhr in der Kneipe. Von 22.00 bis 24.00 Uhr gab es dann eine - im Wesentlichen - one- man- show mit einem zunächst einen Transvestiten spielenden Schauspieler. Die weiblichen Bewegungen und den Habitus einer schmollenden Blondine spielte er Klasse. Dann wurde es offen homoerotisch und die seinem strip zuerst gebannt folgenden Gesichter der meist jungen Frauen froren zu einem guten Teil ein, als ein anderer androgyner Knabe erschien und dem Bühnenmann einen blowjob verabreichte. Anfangs gab es ab und an noch Wechselrede und Interaktion mit dem Publikum, jetzt aber setzte eine Beschimpfung piefigen Verhaltens ein, die in der Feststellung gipfelte, dass dieselben Leute, die über das "falsche" Liebesverhalten von Menschen die Nase rümpften, den Tod syrischer Kinder billigend in Kauf nähmen. Ok, die Botschaft verstand ich schon, allein als Theater hat es mich nicht überzeugt. Zu viel Schweiß auf der Bühne und zu wenig im Publikum. Nur die Provokation blieb...

Darüber war noch zu reden und so kamen wir um 02.00 Uhr erst heim. ;-) Der Sonnabend verging bei Aperitif und Rotwein vor dem Fernseher, denn es gab Biathlon. Nur um die Mittagszeit machten wir einen Spaziergang raus aus der historischen Altstadt, wo der Weihnachtsmarkt eröffnet hatte. (Bild oben). Weihnachtliche Stimmung kam jedoch nicht auf. Dazu war es zu warm. Wir gingen auf der die herrliche Allee (zweites Bild) fortsetzenden "sozialistischen Magistrale" bis zum Sportforum. Was der Sozialismus hinterlassen hatte sah nicht eben gut gepflegt und wenig farbenfroh aus. (Drittes Bild) Am Stadtrand dann Häuschen eines Zuschnitts, wie sie hier in der Slowakei von Zigeunern bewohnt wären. Zigeuner gibt es in Subotica auch, aber sie fallen nicht wirklich auf.
Auf dem Rückweg besichtigten wir die Skulptur eines Schnitters, der an eine ungarische Minderheit aus der Gegend erinnern soll. Überhaupt ist der Kampf um die Deutungshoheit von Geschichte im Stadtbild deutlich sichtbar. Überall Skulpturen und Tafeln, die an bedeutende Ungarn erinnern. Die serbische Seite hält wacker dagegen und errichtet Zarendenkmäler und ihrerseits Skulpturenansammlungen, die an bedeutende serbische Persönlichkeiten erinnern. Ein bisschen wirkt das wie Kindergarten, ist aber in Osteuropa nicht wirklich etwas Besonderes.
Abends waren Alfred und ich noch "auf ein Bier". Wir landeten in einer Retro- Kneipe mit Hammer und Sichel und Bildern aus jugoslawischen Filmen. Es gab Live- Musik von einem hervorragend musizierenden Duo. Vater und Sohn spielten mit akustischer und E- Gitarre internationale und heimische Rockmusik. Wir blieben bis 24.00 Uhr und nahmen dann noch einen "Absacker" in einem anderen Restaurant. So in Form gebracht reichte die Kondition beim Rotwein noch bis 02.30 Uhr! Ziemlich müde fuhrt ich heute nach Hause, hielt mich aber wacker. Ich lauschte dieses Mal den Herren Safranskl, Precht und Rosa und fühlte mich geistig so beschäftigt, dass kein Gähnen aufkam. Ein schönes Wochenende. Das nächste Mal wollen wir uns wieder in Eger treffen. :-)
Darüber war noch zu reden und so kamen wir um 02.00 Uhr erst heim. ;-) Der Sonnabend verging bei Aperitif und Rotwein vor dem Fernseher, denn es gab Biathlon. Nur um die Mittagszeit machten wir einen Spaziergang raus aus der historischen Altstadt, wo der Weihnachtsmarkt eröffnet hatte. (Bild oben). Weihnachtliche Stimmung kam jedoch nicht auf. Dazu war es zu warm. Wir gingen auf der die herrliche Allee (zweites Bild) fortsetzenden "sozialistischen Magistrale" bis zum Sportforum. Was der Sozialismus hinterlassen hatte sah nicht eben gut gepflegt und wenig farbenfroh aus. (Drittes Bild) Am Stadtrand dann Häuschen eines Zuschnitts, wie sie hier in der Slowakei von Zigeunern bewohnt wären. Zigeuner gibt es in Subotica auch, aber sie fallen nicht wirklich auf.
Abends waren Alfred und ich noch "auf ein Bier". Wir landeten in einer Retro- Kneipe mit Hammer und Sichel und Bildern aus jugoslawischen Filmen. Es gab Live- Musik von einem hervorragend musizierenden Duo. Vater und Sohn spielten mit akustischer und E- Gitarre internationale und heimische Rockmusik. Wir blieben bis 24.00 Uhr und nahmen dann noch einen "Absacker" in einem anderen Restaurant. So in Form gebracht reichte die Kondition beim Rotwein noch bis 02.30 Uhr! Ziemlich müde fuhrt ich heute nach Hause, hielt mich aber wacker. Ich lauschte dieses Mal den Herren Safranskl, Precht und Rosa und fühlte mich geistig so beschäftigt, dass kein Gähnen aufkam. Ein schönes Wochenende. Das nächste Mal wollen wir uns wieder in Eger treffen. :-)
Freitag, 23. Oktober 2015
„Masken und Spiegelungen“. Ein integratives Film- und Theaterprojekt (Pressemitteilung)
Ausgangspunkt der Initiative, das Verhältnis zweier Minderheiten zueinander in den Blick zu nehmen und einen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs darüber zu leisten, war die Situation an der Minderheitenschule Medzev/ Metzenseifen im Bodwatal bei Košice. Hier lernen mantakische (deutsche Minderheit), slowakische und Roma- Schülerinnen und Schüler im Wesentlichen nebeneinander her, da viele Eltern ihre Kinder auf eine andere Schule geben würden, wenn es keine getrennten Klassen mehr gibt. Viele Hindernisse waren zu überwinden, ehe im November 2014 im Rahmen eines kleinen Theaterprojekts die Möglichkeit gemeinsamer Arbeit unter Beweis gestellt wurde. Im Juni 2015 probten die kleinen Schauspieler unter Leitung des Metzenseifener Künstlers Helmut Bistika und unter tatkräftiger Mithilfe von Gymnasiasten, die das Deutsche Sprachdiplom der KMK erwerben wollen, in einem Hotel in Veľka Lomnica/ Tatra. Die Proben und die Aufführung vor Lernern der Mittelschule Lomnica (60% Roma wie in Medzev) wurden zu einem überwältigenden Erfolg. Dadurch ermutigt planten Dr. Frank Steffen von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen und Stefan Koeck, Medienpädagoge und Leiter der Medienwerkstatt identity films e.V. Stralsund, eine Fortsetzung des aus Minderheitenmitteln des Auswärtigen Amtes finanzierten Projekts und die filmische Dokumentation der besonderen Randbedingungen. Dieses Mal waren sowohl die Arbeit als auch das Zusammenleben der Kinder in Lomnica von wirklicher Gemeinsamkeit geprägt. Die deutschen Gäste und ihre slowakischen Gastgeber von drei Košicer Gymnasien erlebten dennoch die harte Realität. Die Zusammenarbeit mit der Mittelschule in Lomnica kam der Kameratechnik wegen nicht
zustande und auch die älteren Zipser Deutschen verweigerten Aussagen zum Zusammenleben der Minderheiten vor laufender Kamera. Deutlich wurden die Angst vor evtl. Konsequenzen politisch „nicht korrekter“ Aussagen
bzw. vor der Dokumentation der wenig befriedigenden Zustände im integrativen Unterricht. Nur dank der Initiative eines mantakendeutschen Absolventen der Schule in Smolnik/ Schmöllnitz und des Entgegenkommens der dortigen Schulleitung konnten wie im Deutschunterricht filmen und slowakische sowie Roma- Schülerinnen und später auch zwei ältere Mantakinnen interviewen. Im Land filmte die Gruppe einige der unzähligen Elendssiedlungen der Roma und war erschüttert. Auch unter „unseren“ Romni war ein Mädchen, das sich abends im Hotel fürchtete, weil sie nur mit 5 und nicht wie sonst mit 12 Geschwistern ein Zimmer teilte. In dem gemischten Filmteam erwachte nun der Ehrgeiz einen guten Dokumentarfilm abzuliefern. Alle arbeiteten angestrengt an der Realisierung und hatten dennoch in den Abendstunden viel Spaß. Nach 4 Tagen war alles vorbei und die Schülerinnen und Schüler fuhren jeder in seinen Heimatort zurück. Geblieben sind das Gefühl einer großen Gemeinsamkeit und der Wunsch, der Film möge mithelfen, die gegenseitigen Vorurteile zu überwinden. In Veľka Lomnica ist das gelungen.
Donnerstag, 15. Oktober 2015
Zusammen leben - Teil II eines Film-, Theater- und Integrationsprojekts (15. 10.)
Abreisetag. Die "Großen" besprachen die Filmdramaturgie und drückten in der Abschlussbesprechung ihre Hoffnung aus, der Film möge etwas bewirken. Aber was heißt bewirken? Es ist schon gut, wenn er bei den Teilnehmerinnen etwas bewirkt hat. Sonst sollte er seinen Beitrag leisten den gesellschaftlichen Diskurs über Europas ungelöste Probleme am Laufen halten. Wenn er das könnte, hätte sich die Arbeit mehr als gelohnt! Gelernt haben alle etwas und sind nun gespannt auf die Resultate ihrer Arbeit (Dokumentarfilm und Podcast).
Dass es Spaß gemacht hat, bestätigten auch die Danksagungen der beiden beteiligten "Gruppen". Zuerst kamen die Romni mit einer Mappe "für Frank"(Bild oben/ Bild zwei) und bedankten sich. Wir umarmten uns und ich bekam ein paar Küsschen. ;-) Dann kamen meine z.T. mantakischen Facebook- Freundinnen und übergaben mir eine schön gestaltete Mappe (Bild drei) mit einer fast fehlerfreien Danksagung auf Deutsch. (Bild vier) Wie bei den Romni bildete sich schnell ein "Auflauf" mit mir in der Mitte. Der teilte sich bereitwillig, als die Romni noch einmal dazu kommen wollten und so standen wir alle zusammen in einer "Traube" - "Weiße" und "Schwarze" und ihr zeitweiliger Projektleiter in der Mitte. Was für ein schöner Abschied! Ich werde daran denken, wenn ich die Quittungen kleben, alles zusammenrechnen und den Abschlussbericht schreiben muss! :-)
Dann fuhr ich "meine Schülerinnen" zur Zughaltestelle in Velka Lomnica und sah dabei den Mega- Stau, der sich an einer Straßenbaustelle gebildet hatte. Au weia. Statt noch einen Kaffee zu trinken, lud ich die erste Fuhre der Deutschen ein und fuhr sie nach Poprad. Wir kamen 35 min später als gedacht dort an und ich dachte, dass wir keine Chance hättten, den Zug nach Bratislava noch zu erreichen. Stefan und Anne wuchteten die schwere Kameratechnik allein die Straße herunter und erwarteten mich am Bahnübergang. Das Taxi aus Poprad steckte auf der Gegenseite fest. Über einen Umweg kam ich dann "von hinten" an den Stau in Lomnica. Zum Glück hatte inzwischen die Polizei die Arbeiten gestoppt und die Straße erst einmal frei gegeben. Ich fuhr so schnell es ging die 8 km zum Bahnhof und wir kamen um 13:31 Uhr dort an. Der Zug auf Gleis 2 sollte eben jetzt abfahren. Konnte die Bahnhof- Gruppe den Zug aufhalten? Nein, er hatte 20 min Verspätung und so ging doch noch alles klar! Ich fuhr völlig übermüdet und mit rotgeränderten Augen nach Hause. Jetzt kommen noch die Nachbereitung und das Schneiden des Schüler- Erlebnis- Films...
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