Am 08. 03. war ich mit den Kolleginnen Frauentag feiern. Sie bemühten sich um gute Stimmung, aber ab und zu schossen doch Tränen aus den Augen. Meine Kolleginnen sind im besten Sinne "Sowjetmenschen" und können nicht verstehen, wie das möglich ist. Für gewöhnlich sprechen sie den lustigsten Sprachmix, den ich je gehört habe. Übergangslos werden Russisch und Rumänisch gemischt. Nun sind sie betroffen und fürchten, dass auch in der Moldau die nationalen Differenzen wieder von vorn beginnen. Grund genug das zu befürchten haben sie. Die "Russen" hier fühlen Aufwind und sind ganz auf der Schiene der russischen Propaganda. Man sieht, wie einseitiger Medienkonsum verblödet, vor allem dann, wenn man glauben will, was man hört, weil alles andere an die Substanz des Selbstbildes ginge. Für viele ist durchaus einsichtig, dass die Russen die Ukraine von Nazis befreien. Man hat hier die Ukrainisierungspolitik im Nachbarland (wie auch die Sprachpolitik in der Moldau) als Angriff auf die nationale Identität gewertet. Ungutes Klima also. Dazu gab es einen Probealarm der Sirenen. Man hört das nicht unbeteiligt...
Reisebilder aus der Ukraine, der Slowakei, Rumänien und Osteuropa. Reflexionen zum Alltag, Reiseberichte, Kurioses und Interessantes vom Zusammenleben der Völker, Privates für Freunde und Bekannte...
Samstag, 16. April 2022
2022-03-09 Schriftliche Prüfungen zum DSD I
Wie schnell doch wieder "Normalität" einkehrt. Jedenfalls an der Schule. Obwohl, so ganz "normal" ist es nicht mehr. Seit den ersten Tagen hat sich atmosphärisch etwas verändert. Diszipliniert waren die Kids immer, aber jetzt sind sie so sehr bestrebt, mir Freude zu machen, dass es auffällt. Verglichen mit den Stunden, die ich zu Hause am Computer und vor den Nachrichtenkanälen verbringe, ist Schule Erholung...Am 09. 03. waren die schriftlichen Prüfungen zum DSD. (Bilder) Haro Ortmann half mir die Prüfungen am LT N. Gogol zu organisieren. Alles ging glatt und bis auf drei Schülerinnen, die mit ihren Eltern das Land verlassen hatten, sind alle erschienen.
2022-03-04 Abitur- Foto- Session
Wie ich die Zeit bis dahin verbracht habe? Ich weiß es nicht mehr. Wie in Trance. Zunächst hatte ich meine Koffer gepackt, war aber sicher, dass ich nicht gehen würde, ehe es wirklich brenzlig wird. "Sie haben es gut. Sie können gehen. Wir müssen bleiben." Dieser Satz einer Schülerin ging mir ans Herz. Ich würde bleiben bis ich gehen muss. Inzwischen zeigten die Bilder aus der Ukraine, dass man wahrscheinlich in seiner Wohnung sicherer ist als im Auto auf der Straße... Schüler/innen und Kolleginnen waren dankbar. Ich bin hier der "Friedensengel". Er solle mich beobachten, meinte ein Schüler. "Meine Eltern haben gesagt, wenn der Ausländer geht, gehen sie auch." Einige gingen. Die Botschaft zog Familienangehörige ab. Ich begriff, dass Alltag das Beste ist, was den Schüler/innen jetzt passieren kann, und bereitete meine Prüfungen auf das DSD vor. Viel Theater, weil ich nicht prüfungsberechtigt bin, die ZfA aber keine Reisemittel für FBK mehr zur Verfügung stellt und ohnehin der Luftraum geschlossen ist. An den Grenzen ist die Hölle los usw. usf. Trotzdem habe ich alles vorbereitet und durchgeführt. Kurz vor den Prüfungen gab es noch einen Fototermin mit meinen Mädels aus der 12b. (Foto) Sie wollten unbedingt, dass ich in ihr Abitur- Album komme. Na, dann man los...
2022-02-24 Blick aus dem Fenster
Der Tag, an dem der Krieg begann, war unwirklich. In der Schule Schockstarre bei den Schüler/innen, Weinen bei den Kolleg/innen. Bei mir totale Denkhemmung: Warum hatte ich das bis zum Schluss für unmöglich gehalten? Trotz Tschetschenien und Syrien, trotz der eindeutigen Rhetorik Putins...
Dann kamen die Anrufe, die ersten Berichte von Einschlägen in Kiew und Iwano- Frankiwsk. Mein Facebook lief heiß wegen der Anfragen, wer wo ist, wo bleiben oder fliehen will. Was für ein Tag! Der Blick aus dem Fenster unwirklich - bei aller Schönheit des Abends bedrohlich. Was würde aus dieser Stadt werden, wenn Panzer durch die Wohngebiete rollen? An Schlaf war nicht zu denken. Die 14. Russische Armee steht nur 100 km von hier. Dass sie ein Papiertiger ist, wusste ich noch nicht. Krieg bei uns in Europa? Unglaublich...
Samstag, 12. Februar 2022
Gagauz am Wochenende
Seit Langem mal wieder etwas Zeit. Habe gründlich sauber gemacht und versucht, das Ventil im Zulauf zu Toilette und Boiler zu reparieren, was aber nicht gelang. Der Imbus, den ich in der Schule fand, ist zu dünn und passt nicht. Schade.Draußen ist schönes Wetter mit etwas über Null in der Sonne. Also auf zum "Park" (Bild unten), wo sich außer mir vor allem Familien mit kleinen Kindern aufhielten. Für die Liebespärchen war es wohl doch noch zu kalt. Interessant zu sehen, wie unbekümmert die Eltern ihre Kleinen auf das brüchige Eis lassen. Um den Ablauf ist das Gewässer schon eisfrei. (Bild oben) Trotzdem sah ich mehrere Kinder auf den "Schlund" zu schlittern, was die Eltern nicht wirklich bemerkten. Telefonsucht eben. Aber es ist nichts passiert.Dann bin ich ins "Gagauz", einem gagauzischen Kellerrestaurant neben dem Afghanistan- Platz, was ich eigentlich an fast jedem Wochenende einmal mache. Von den drei Standard- Gerichten, die mir zusagen, also Mititei, Iulia Kebab oder Kefte, ist Kefte (Bild unten) das mit Abstand leckerste. Drei Bouletten aus Hühner-, Lamm- und Schweinefleisch werden mit Adzika, Weißkrautsalat, gebratenen Kartoffelscheiben, Lavache und Fladenbrot serviert. Dazu ein Bierchen und (leider) vom TV- Screen die immer gleiche Musik zum immer gleichen Reklame- Film über Gagauzien - das ist mein Wochenendvergnügen. Und weil ich das fast immer esse, will ich Kefte hier auch verewigen, obwohl ich sonst nicht zu den Freunden der Fotografie von Essen gehöre. Kostenpunkt alles in allem 10 Euro mit Trinkgeld, wobei das Bier (leider immer Franziskaner) mit satten 5 Euro zu Buche schlägt. Das ist woanders billiger, aber was soll's? Ich mag nun mal Kefte und Keller liebe ich sowieso. ;-)
Montag, 7. Februar 2022
Zwangsweiser Spaziergang am Valea Morilor
Am Freitag war ich beim Augenarzt. Nichts Neues und die Freigabe für eine OP am "sekundären Katarakt" irgendwann in den nächsten Wochen- eine Kollegin bemüht sich um einen Termin. Aber die Augentropfen, die da zur Pupillenweitung eingesetzt wurden, hatten solch eine Wirkung, dass ich unmöglich fahren konnte. Also lief ich ziellos an die zwei Stunden um den Teich im Valea Morilor. Es war nur mäßig kalt und also ganz angenehm. Anders als im Sommer war keine Menschenseele außer mir unterwegs, was auch angenehm war. Eine schöne alte Sowjetanlage...Den Abend ließ ich dann bei "Kefte" in meinem Lieblingsrestaurant ausklingen. Irgendwie fiel mir doch die Decke auf den Kopf. 14 Tage Online- Unterricht zu Hause ohne jeden menschlichen Kontakt... - langsam zeigt Corona auch bei mir Wirkung. Allein bin ich ja schon lange, aber einsam habe ich mich dabei selten gefühlt. Jetzt fehlen mir aber doch die Reisen und die Besuche bei Freunden. Im Restaurant mit Gästen ringsherum kann man es ein bisschen wenigstens vergessen. Außerdem sind die "Kefte" im "Gagauz" sehr schmackhaft! ;-)
Ende Januar- auch hier kommen die Tannenbäume weg
Ende Januar war es noch mal ein paar Tage kälter und es fiel Schnee, der sich aber hier auf den Bildern schon wieder verflüchtigt. Für mich war der Haufen abgetakelter Tannenbäume (Bild oben) interessant, der an meiner Hausecke aufgetürmt wurde. Die Bäume waren so ohne jedes Zeichen von Dekoration, dass man wohl davon ausgehen darf, dass überall Plastik und Leuchtketten dran waren. Naja, wundert mich nicht wirklich. Sonst gibt es hier das Hundeviech zu bewundern (Bild unten), das sicher zu der Gruppe von gefühlt 100 Tölen gehört, die mir ab 04.00 Uhr den Nachtschlaf rauben. Unglaublich, mit welcher Laustärke dann die Revierkämpfe ausgefochten werden! Dabei sind die Tiere nicht mal verkommen, sondern ziemlich wohlgenährt und mit dichtem Fell versehen, so dass sie auch die zeitweise minus 10 Grad nachts jaulend überstanden haben. Jemand scheint sie zu füttern, oder die Container geben genug her. Wer weiß? Von Seiten der Stadt haben sie wohl auch nichts zu befürchten. Allerdings hat letztens jemand mitten im Wohngebiet scharf auf die Heuler geschossen. Das war filmreif...
Sonntag, 9. Januar 2022
Heimatliches
Angekommen musste zunächst das Auto entladen werden und dann waren die Sachen einzuräumen bzw. neu aufzustellen oder anzuhängen. Ein paar Dinge aus Wismar passen nicht mehr in die Leipziger Wohnung und so habe ich sie, weil sie mich nun schon so lange begleitet haben, mitgenommen und hier aufgehängt bzw. aufgestellt. (Bild oben) Ob das gut aussieht? Vielleicht nicht. Meine hiesige Wohnung ist ein stilloses Nebeneinander von fremden Möbeln, die nicht wirklich zusammen passen, und Bildern, Lampen etc., die nur hier sind, weil sie woanders nicht mehr sein können oder dürfen. Merkwürdig, dass die eigentlich doch toten Dinge nach einer gewissen Zeit so unbehaust sein können, wie es sonst nur Menschen sind...
Letzteres trifft auf die ein wenig primitiv dem Jugendstil nachempfundene holzgeschnitzte Lampe zu, die ich vor mehr als 20 Jahren in Polen von "meinen" damaligen Mädels geschenkt bekommen hatte. Ich fand, sie passte zu den im Farbton und vom Stil her (barbusig!) ähnlichen Holzschnitzereien aus Guinea, die sie beleuchtete. Aber der Rest der Familie hatte sie nun satt und also habe ich sie noch für ein paar Jahre mit ins Exil genommen. Aber Stillosigkeit ist auch ein Stil, weshalb ich mich in all dem Kram wohlfühle. Ich habe die Kolleg/innen nie verstanden, die jahrelang aus dem Koffer leben konnten, um Geld zu sparen, oder die sich für viel Geld Designer-Wohnungen mieteten, in denen sich nichts Persönliches befand (und an den Wänden auch nicht hätte befinden dürfen). Erinnerungsstücke um sich zu haben ist nicht Gemütlichkeit oder "bürgerliche Behaglichkeit" (gerade geht mal wieder die Heizung in der Küche nicht und ich muss das Wasser abstellen, weil ein Ventil tropft), aber es macht eine Art von Heimatgefühl: Wenn ich die Wohnungstür öffne und wieder hinter mir schließe, bin ich in der fremden Wohnung im fremden Land unter fremden Menschen doch "zu Hause". Nach nun schon 30 (!) Jahren im Ausland ist mir das wichtiger denn je...
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