
Sinewir also. Eigentlich wollte ich nach Rumänien, entschied mich dann aber doch, abschließend noch einmal unbekannte Teile der Ukraine zu erkunden. Ich fuhr ins Blaue, wie man so sagt, denn die Auskünfte der Reisebüros waren weniger als hilfreich. Vielleicht hätten sie mir in allen Einzelheiten erläutern können, welche Sehenswürdigkeiten mich rund um die Pyramiden erwarten, aber im eigenen Land... Immerhin fanden sie einige Stellen, die stereotyp "Natur, Sauna, gepflegte Gastlichkeit und Wintersport" boten, aber was man dort im Sommer tun könnte, wussten die Büromitarbeiterinnen nicht. Halt, das stimmt nicht! Sie wussten nicht, wo man evtl. wandern könnte un

d fragten stattdessen erstaunt, warum ich, der ich doch angegeben hätte, mit dem Auto anzureisen, dann auf einmal zu Fuß gehen wollte. Andere Angebote hatten sie sehr wohl. Also, man kann dort Panzer fahren oder Paintball "spielen", also lernen, wie man andere abknallt....
Nicht mein Ding und so fuhr ich halt aufs Geratewohl. Das führte mich zunächst über Pisten, die in Afrika besser gepflegt erscheinen, Ergebnis: der vordere Reifen war von spitzen Steinen durchstochen worden und ich hatte einen Tag zu tun, den "Platten" zu reparieren. Aber immerhin kam ich doch an in einem lauschigen Tal und fand zu guter Letzt dort ein freies Bett. Einfach

war das nicht, obwohl viele neue "Kolybas" (Holzhäuser mit Grill usw.) am Straßenrand Gästezimmer anboten. Sie waren einfach alle belegt oder zeigten kein Interesse an einem Gast, der nur für eine Nacht bleiben und anderntags auch nicht mit der Pferdekutsche fahren wollte. Brrrr....
Mitten im Nationalpark Sinewir, kurz vor dem touristischen Höhepunkt der Gegend (einem Bergsee), fand ich dann mein erstes Zimmer für 30 § die Nacht. Frühstück und Abendessen außer Haus, aber dafür urgemütlich in einer der neuen Kolybas. Das Wetter war zunächst durchwachsen, so dass ich aufs Auto- Wandern ausweichen musste. Nun kenne ich also sämtliche Täler, die das Gebirge queren...
Dann fand ich ein angenehmes Quartier hoch über ein

em Bergfluss, der abends so penetrant- betörend rauschte, dass ich nichts anderes hörte und herrlich schlief. Von dort gelangen Wanderungen sowohl durch abgelegene Täler mit Dörfern ohne Strom, Wasser und Gas als auch Gipfelbesteigungen - na ja, 1000er werden es gewesen sein. Längstens war ich vielleicht 50 km am Tag untergwegs; etwas kürzer war der Weg auf den Gipfel - vielleicht 20 km - aber dafür tat danach der Ar... ganz schön weh! Lustig dann die abendlichen Gespräche mit den Kellnerinnen, die den ausländischen Gast neugierig befragten, was er so getrieben hätte. Sie waren höchlichst erstaunt, zu erfahren, dass es da unweit ihrer Siedlung Wege gäbe, die auf den Gipfel

über ihren Köpfen führen. Und noch mehr wunderte es sie, dass es Idioten gibt, die wirklich aus Deutschland in die Ukraine kommen, um da oben rauf zu latschen! Dabei habe ich schon lange so etwas Schönes nicht mehr mitgemacht. Vergleichbar waren bisher nur die einsamen Wanderungen im Krim- Gebirge. "Einsamkeit" ist eben das Stichwort. Also, wer Zeit und Rige zur Besinnung braucht, wer mal einen Tag lang keinem Menschen begegnen will und wer es ab kann, nicht alle 5 km ein Gasthaus zu treffen, der sollte in die Ukraine fahren. Auf in den Nationalpark Sinewir! Allerdings muss man sich dann auf sein Glück verlassen. Selbst langjährige Ski- Urlauber orientieren sich dort nur anhand handgezeichneter Karten von Verwandten und

Freunden, von denen eben, die ihnen den Tipp gaben, gerade dorthin zu fahren. Wanderkarten gibt es kaum, solche in kleinem Maßstab und verlässliche noch dazu eher gar nicht. Jedenfalls fand ich keine. Kleiner Tipp am Rande: Man gehe unbedingt die Wege, an deren Anfang ein Schild "Betreten verboten" steht. Sie sind die schönsten...
P.S.1: Allerdings kann es dann passieren, dass man keinen "Rundweg" findet, sondern irgendwo im tiefen Wald seinen Weg dort veriert, wo er einfach in den Bach übergeht, dem er bis daton brav folgte. Dann heißt es haöt umkehren

und denselben Pfad zurück gehen. Und doch: Wo kann man "bei uns" 50 km wandern, ohne eine Menschenseele zu treffen? Es bleibt dabei: Wer so etwas erleben will, der sollte in die Ukraine fahren! Insgesamt übrigens war das gastronomische Niveau nicht einmal schlecht. Wer Schaschlyk mag kommt sowieso auf seine Kosten. Kosten? Ja, am Ende hatte ich für 25 Euro die Nacht ein angenehm rustikales Zimmer mit warmem Wasser- immerhin nicht einmal für Kiews Nobelhotels selbstverständlich....
P.S.2: Möchte nicht wissen, wie diese Täler heute - nach den verheerenden Überschwemmungen - aussehen. An vielen Stellen war die Gewalt von Wassermassen, die ich nicht zusehen bekam, erahnbar. Jedenfalls lagen viele Baumstämme geschlagen und zum Abtransport jenseits dieser Flußquerung bereit - die dafür vorgesehenen provisorischen Brücken hatte es aber allesamt weggespült. Offensichtlich gab man dann das Ansinnen auf, dort weiter Holz zu schlagen. So wird ein Nationalpark dann wirklich zur Sensation! Etwas unterhalb - in der Nähe von Chust - finden sich die ausgedehntesten und ältesten Buchenurwälder Europas. Was ein Urwald ist, kann man auch im Sinewir erleben: Jenseits der zufällig gefundenen Wege gibt es keine Einstiege in das Waldgebiet, das so wesentlich sich selbst überlassen bleibt...