Reisebilder aus der Ukraine, der Slowakei, Rumänien und Osteuropa. Reflexionen zum Alltag, Reiseberichte, Kurioses und Interessantes vom Zusammenleben der Völker, Privates für Freunde und Bekannte...

Samstag, 28. März 2009

Ivano Frankivsk

Seit Ende Februar bin ich nun also in Ivano- Frankivsk. Die Stadt erscheint größer als Czernowitz, obwohl beide Städte von der Einwohnerzahl her vergleichbar sind. Auf jeden Fall ist das Stadtzentrum hier irritierender und die vielen Einbahnstraßen machen die Orientierung beim Autofahren nicht eben leicht. Aber das nimmt gerne in Kauf, wer den breiten Boulevard und die großen verkehrsberuhigten (oder gar als Fußgängerzone ausgewiesenen) Plätze im Zentrum gesehen hat. Man wird doch weit weniger vom Autoverkehr drangsaliert als anderswo in diesem Land! Außerdem sieht man allerorten Bemühungen, die Geschlossenheit des Stadtkerns zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Angeblich ist die Stadt mit ihrer Lückenbebauung im Zentrum ukraineweit Vorbild, sie soll jedenfalls bereits mehrfach dafür ausgezeichnet worden sein.


Aus diesen Gründen vermittelt das neue ukrainische Ivano- Frankivsk an vielen Stellen noch (oder wieder) den Eindruck des alten Stanislawow. Polnisches findet man überall: In den Toiletten meines Lieblingsbierkellers – es ist nicht nur meiner: ohne Platzreservierung mindestens zwei Tage vorher geht hier gar nichts (!) – zieren Rohziegel mit der Prägung „nowy swiat“ die Wände. Unweit des „Desiatka“ steht Pan Mickiewicz in einem kleinen Park. Meiner Schule (der MS Nr. 5) gegenüber befindet sich die MS Nr. 3, ausgewiesen als polnischsprachiges Lyceum ogolnoksztalciace. Der polnische Einfluss auf die Architektur der Stadt ist ohnehin unübersehbar: Auch hier ist der zentrale Platz als „Ringplatz“ mit dem Rathaus (einem stilvoll an das ältere Vorbild angelehnten Neubau aus den 20er oder 30er Jahren) in der Mitte konzipiert. Viele der ehemals herrschaftlichen Häuser bzw. Stadtvillen zeigen den typischen Stil der polnisch- österreichischen Sezession, es gibt auch vereinzelt noch Klassizismus aus früherer Zeit. Von der Bedeutung der ehemaligen Provinzhauptstadt zeugen der großzügige Bahnhof und viele prächtige Administrationsbauten aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Sie sind mehr oder weniger gut erhalten und mindestens von außen meist neu angestrichen, so dass sie das Stadtbild positiv prägen. Kurz, als Westeuropäer ist man doch recht angetan und nicht irritiert durch eine regel- und stillose Stadtbebauung, wie sie im Osten der Ukraine öfter vorkommt. Zum insgesamt freundlichen Äußeren tragen mehrere Parks im Zentrum bzw. in dessen unmittelbarer Nähe bei.


Auffällig ist die Vielzahl angenehmer Bierkeller, geschmackvoller Restaurants, kleiner Pizzerias und Cafes. Obwohl kaum mehr Touristen hierher kommen dürften als nach Czernowitz, ist das Dienstleistungsangebot insgesamt entwickelter. Die Leute haben auch Geld, die Angebote zu nutzen, denn kaum eines der Restaurants ist leer oder schlecht besucht. Abends hat man Mühe, unangemeldet Platz zu finden. Man spürt die „Macht“ der von den im Westen arbeitenden Verwandten geleisteten Transferzahlungen, die angesichts des hohen Eurokurses Dienst- oder Bauleistungen aller Art erschwinglich machen. Für mein Mittagsbier, drei kleine Schweinemedaillons mit Zwiebelringen und einem Kaffee habe ich heute ca. 4 Euro bezahlt. Da lässt es sich leben, jedenfalls wenn man Euro hat. Auf der anderen Seite nämlich fallen die vielen Stadtstreicher und verwahrloste alte Menschen auf, die in der Nähe der Kirchen ihr Auskommen suchen. Das freundliche Äußere der Häuser sagt ja auch wenig über die Zustände hinter den Fassaden aus. Aber der lässt sich nur erahnen; als Besucher ist es schwer, die Schattenseiten des Lebens hier wirklich zu erfassen. Man zeigt gerne, was als „Errungenschaft“ durchgehen könnte und verschweigt und vertuscht dem

Ausländer gegenüber gerne die Probleme, die man hat. Uralte sowjetische Erziehung? Mentalität? Auf jeden Fall ist die Zentrale des SBU (der „Staatssicherheit“) immer noch eines der größten und repräsentativstenGebäude der Stadt.


Apropos Staatssicherheit: In Ternopil, also gleich um die Ecke, sind die in Kiew Regierenden, die einst hier in der Westukraine ihre Hochburgen hatten, bei vorgezogenen Regionalwahlen mächtig abgewatscht worden. Als eindeutiger Gewinner der Wahlen präsentiert sich die bis dato eher unbedeutende ultranationale und antisemitische Bewegung „Sloboda“, die ihre Traditionslinien im Nationalismus der 30er Jahre und in der deutschfreundlichen Kampfgemeinschaft UPA sieht. Nicht nur, dass Naziuniformen im politischen Protest wieder salonfähig werden, oftmals ist auch der nicht gerade als Ausnahme anzusehende Hitlergruß einem Deutschen gegenüber positiv freundschaftlich gemeint. Man liest „Mein Kampf“ in russischer Übersetzung und findet ganz passabel, wie da über Juden und Bolschewisten geredet wird. In Drogobyc schrie ein sonst eher freundlich und bescheiden wirkender Schüler bei Erwähnung des Themas „Homosexualität“, das sei „abartig“ und man solle die alle an die Wand stellen und auf der Stelle erschießen. Wenn er könnte, würde er sofort mit ein paar Freunden losziehen und „Homos abknallen“. Der Unterricht war gelaufen; es gelang nicht einmal in Ansätzen, Ideen wie „Toleranz“ oder „Menschenrechte“ in die Diskussion zu bringen. Es exponierten sich im Anschluss an den Vorfall nur noch Schülerinnen, die Homosexualität für „unnatürlich“ hielten, falsche Erziehung dafür verantwortlich machten und also „Umerziehungslager“ und harte Strafen befürworteten. Der Rest schwieg zustimmend, wie ich fürchte. Oleksy verließ in der Pause den Kurs und kam nicht wieder. Vielleicht ist er nun von den „deutschen Weicheiern“ enttäuscht? Es gibt hier schon merkwürdige Motivationen Deutsch zu lernen. Ich hoffe, es sind nicht die einzigen und natürlich denke ich, da ist noch manch zweiter und dritter Gedanke möglich. Die Schüler sind ja erst 14 oder 15. Aber bedenklich stimmt das alles schon, denn von allein kommen solche (immerhin in gutem Deutsch formulierten) Hassausbrüche nicht. Da ist noch Einiges zu tun. Packen wir es also an, wie der berühmte Werbeslogan einst hieß…

Freitag, 27. März 2009

Ukraine die Zweite

Nun bin ich also da und bin sogar nach mehreren tausend Kilometern im Land noch nicht in einem der bisweilen knietiefen Löcher in den Straßen versunken. Mein Auto klappert etwas mehr als in Deutschland und hat - seitdem ein Bauzaun bei etwas Wind auf den vorderen Kotflügel krachte - eine nicht mehr besonders gut zu öffnende Fahrertür. Alles verzogen! Ein Glück, dass ich mich dann doch entschieden habe, kein neues Auto mit hierher zu bringen!

Was sonst noch? Kaum hat es einen Monat gedauert, schon bin ich "etabliert", d.h. ich habe endlich eine kleine Wohnung gefunden und einen Internetanschluss ergattert, bin nicht mehr Gast bei meinem lieben Kollegen Alfred Baar, dessen Wohnung mir doch (vor allem im Zustand des fiebernden Lungenkranken!) zu kalt war... Vor allem habe ich nun wieder ein eigenes Bett und nächtige nicht mehr im Schlafsack auf einer Couch! Das alles hat was, vor allem, weil die neue Wohnung für ukrainische Verhältnisse ausgesprochen hübsch anzusehen und im Ganzen in Ordnung ist. Küche und Bad sind neu, die Heizung läuft als Gasheizung separat vom öffentlichen Netz, ein paar lockere Schrauben ließen sich nachziehen und die klapprigen Fußbodenleisten hat ein polytechnisch geschulter und an "Selbst- ist- der- Mann" gewöhnter Ex- DDR- Bürger wieder fest gekriegt. Lustig war die Suche nach einem Bücherregal. Lustig? Nun, die Menschen lesen eben nicht mehr und sehen sich lieber "brigada" (so ein Rambo- Verschnitt auf Russisch!) an oder spielen am Computer. Fernseh- und Computertische gibt es also die Menge, aber Bücherregale? Die Blicke, die ich auf meine Frage hin regelmäßig in den ca. 20 "mebli"- Geschäften, die ich fand, erntete, lassen sich kaum beschreiben. So würde man wohl auch einen Dinosaurier ansehen, wenn der plötzlich in den Laden käme...

Egal, ich fand endlich für 100 Euro ein nettes Stück, das eigentlich als Raumteiler einer Schlafgarnitur gedacht war, sich aber umfunktionieren ließ. Es kam sogar pünktlich und die Träger zogen brav die Schuhe aus, ehe sie "meinen" Teppich betraten. Was will man mehr?

Ich weiß auch endlich, was (und wie) ich arbeiten soll, kenne meine Kolleginnen und die wenigen Kollegen, mit denen ich zu tun habe, bin nicht mehr krank - kurz: ich bin angekommen! Demnächst also für alle, die wissen wollen, wie es mir geht, mehr von mir und von der recht schönen Stadt Ivano- Frankivsk, die nun für ein paar Jahre meine neue Heimat ist! Bis bald!

Freitag, 16. Januar 2009

Vorbereitungen. Ukraine die Zweite

Langsam endet die schöne faule Zeit als Studierender der Rechtsgeschichte, der jüdischen Alltags- und der allgemeinen Kulturgeschichte. Leider. Obwohl das halbe Jahr nicht ganz sorgenfrei war - schlagartige Verminderung der Sehkraft um zwei Dioptrin und noch andauernde Suche nach den Gründen - habe ich es doch genossen. Aber der Mensch muss Geld verdienen und so freut es mich, schon im Februar meinen Dienst in Iwano Frankiwsk antreten zu können, zumal ich Hoffnung habe, dass der Februar Quarantäne bringt und nicht so anstregend wird. Man braucht ja doch Zeit, eine Wohnung zu suchen, sich einzurichten usw. Nun, budjet. Ich warte nur noch auf den Pass und auf besseres Wetter! Mein Auto, ein neues vom alten Modell, hab ich jedenfalls einschneien und stehen lassen. Langsam guckt es aber schon wieder aus der schmelzenden Haube hervor. Hoffen wir, dass es mich gut in die Ukraine bringt!

Freitag, 3. Oktober 2008

Über Gewissen

Immerhin, zwei von dreien haben sich gemeldet und haben "Herzweh" bekundet. Die es sind, werden wissen, wer gemeint ist ;-) ."Herzweh" ist ein gutes Wort für das, was die Deutschen vielleicht einfach nur "schlechtes Gewissen" nennen würden. Es scheint auf eine sympathische Weise mehr auszudrücken, weil es nicht so auf sich selbst, auf das von sich selbst gekränkte Ego fixiert ist. Es schließt die Trauer um die Enttäuschung eines anderen ein und zeigt so das noch vorhandene Bedürfnis nach Solidarität und Gemeinsamkeit. Das ist menschlich und - wie ich in Anlehnung an einen weisen Philosophen sagen würde: Nichts Menschliches sei mir fremd!

Aber es hat auch das "Gewissen" etwas für sich, schließt es als Begriff doch das "Wissen um..." ein. Es geht dabei nicht um den Satz "Du sollst nicht sehlen", der bloß abstrakt ist und im Angesicht etwa von Hungernden nur die Ausbeutenden schütz. Es geht um das Wissen, wie Menschen und Menschlichkeit manipuliert werden duch den "Rausch" des Kaufens. Vielleicht sind die, die es erfahren haben, offener für die Einsicht, woher so etwas wirklich kommt. Und weil ich weiß, dass es in Wirklichkeit ganz andere Ursachen als bloß individuelles Versagen gibt, kann ich den um Verzeihung Bittenden auch leichter verzeihen. Das ganze Leben besteht aus Fehlern und Neuanfängen, sie wieder gut zu machen (wenn es ein gutes Leben ist!).

Nun sei es so.

Dienstag, 30. September 2008

Shopping macht blöde!

Das Ende unserer 10tägigen Projektwoche nahte. Am Mittwoch, dem 17. 09., fuhr ich mit Diana, Lesja und David noch einmal nach Berlin, um auch noch die deutsche Protagonistin unseres Projekts über die Bukowina, über Heimatgefühle und Heimatverlust zu interviewen.Frau Edith Schütrumpf erwartete uns und ich hatte wieder das Gefühl, in diesem Haus fast schon zu Hause zu sein. So viele Emails hatten wir gewechselt und immer hat es mich ergriffen, zu sehen, wie bewegt und überwältigt die alte Dame von ihren Erinnerungen war. Ein bisschen fürchtete ich, dass sich das den Jugendlichen nicht mitteilen würde und das sie froh wären, der Vereinnahmung durch die ältere Generation zu entkommen. Das Gegenteil war aber der Fall. Während des Interviews war deutlich zu spüren, dass die Ergriffenheit, mit der die Deutsche über ihre Heimat sprach, die heute dort lebenden jungen Ukrainerinnen nicht kalt ließ. Allerdings bleibt die mich interessierende Frage, wie sie den Zwiespalt, der sich aus der eigenen Erfahrung einer oft abgelehnten und hassgeliebten "Heimat" und der hier erinnerten "besonderen Czernowitzer Atmosphäre der 20er und 30er Jahre" ergeben muss, wirklich verarbeiten, zumindest für die nächste Zeit wohl unbeantworet.

Am Donnerstag konnte dann die Rohfassung des Films dem Lagerpublikum vorgestellt werden. Großes Hallo, wenn sich ein Schüler auf der Leinwand als Akteur wiederfand! Ich dachte schon, es hätte sich alles gelohnt wegen dieser 36 Minuten!

Aber mit dem Ende der 10tägigen Projektzeit kamen die von den Schülerinnen wirklich ersehnten "Höhepunkte" näher. Vor und während der Fahrt nach Stralsund diskutierten wir immer wieder die Frage der Frei- also der Shopping- Zeit. Nach vielem Hin und Her erhöhten wir die Zahl der Stunden zur freien Verfügung von 2 auf 4 und beschlossen, die Gruppe vor dem Besuch im Schwimmbad noch extra in ein Shopping- Center zu führen. Aber der bereits bezahlte Besuch im Spaßbad blieb gesetzt. Nach den Auseinandersetzungen, die schon einen schalen Beigeschmack hinterließe, weil sie zeigten, warum man heute auf Reisen geht, waren die Ukrainer dennoch (wie gewohnt) relativ diszipliniert und am Ende von dem Spaßbad begeistert. Es war die bulgarische Gruppe, die sich - ihre Betreuerin voran - nicht mehr zum Besuch des Schwimmbades bewegen ließ. Shopping!!!

Auf dem Nachhauseweg dann Diskussionen mit meiner Gruppe, der ich versprochen hatte, wenn nichts Gravierendes vorfällt, vor der Abfahrt noch 6 h Freizeit in Berlin zu ermöglichen. Ja, ich weiß: Wir haben früher bei einer Reise nach Budapest AUCH ein paar Jeans kaufen wollen. Also Gut. Bevor wir aber am anderen Tag abfuhren, fand noch die tränenselige Verabschiedung statt. Erst im Lager von all den Litauern und Polinnen und von den neu gewonnenen deutschen Freundinnen, dann noch einmal in Stralsund die von den altbekannten Projektpartnern. Ob die vielen Wochen, die wir gemeinsam verlebt haben, Folgewirkungen zeigen? Wer weiß das, wer kann schon ermessen, was ein solches Projekt im Leben eines Menschen wirklich bedeutet! Aber kaputt gemacht hat es wenigstens nichts, das steht schon mal fest....

In Berlin angekommen, empfahl ich unverbesserlicher Bildungs- Optimist doch noch einmal den Kauf einer Tageskarte, damit man von der Wilmersdorfer Shopping- Meile aus vielleicht mit der S- Bahn zum Zoo fahren könnte usw. Ich erklärte, was man dort sehen könne, aber es hörte eigentlich niemand mehr zu. Shopping!!! Und am Ende war auch niemand wirklich "in Berlin". Shopping!!! Nach dem Ende der Verkaufszeiten lungerten die Jugendlichen lieber vor einem 24- Stunden- Laden (Kaiser's) rum und kauften für das letzte Geld Unmengen von Bier für die Verwandten. Shopping!!! Wovon sie mir vor der Abfahrt erzählten? Vom Shopping!!! Was sie beim nächsten Mal von so einer Fahrt sich wünschen würden? Mehr Shopping!!! Ich hatte es schon satt, fand aber, die Aversion könnte mein "philosophisches Hobby" bleiben, da sonst ja nichts Ernstes passiert war. Es war wohl diese innere Mattigkeit, das Bereits- Aufgegeben- Haben, das mich den Polizei- Wagen am ZOB so gelassen anschauen ließ. Ok, es stiegen meine bisherigen Lieblingsschülerinnen aus und ich wusste noch ehe der Beamte etwas sagen konnte, was passiert war. Shopping!!! Da stehen sie nun und drücken sich die Nasen platt an den Schaufenstern mit all den Waren, die sie haben wollen, aber nicht bezahlen können. Haben wollen, shoppen gehen, haben wollen, shoppen gehen. Und dann echot es in diesem hohlen Kopf nur noch vom "shoppen" und es wird so schmerzlich bewusst, dass man zum Shoppen eigentlich gar kein Geld hat, und dann will man aber auch was haben, weil sie alle etwas haben, und dann will man was mitbringen und es an die Freundin verschenken, weil es nun mal so Sitte ist, der Freundin etwas zu schenken, und dann sieht man keine Sicherungsanlagen und dann denkt man, dass die Deutschen bestimmt nicht so aufpassen wie die Ukrainer, wo hinter jeder Glasvitrine eine "Ochrana" mit Pistole und Schlagstock steht, und dann versucht man eben zu klauen... Ist man soooo doof mit 17? Nein, man kann Russisch, Ukrainisch, Deutsch und etwas Englisch und Rumänisch, man hat seine Schule mit Auszeichnung absolviert oder wird es tun...- aber man lässt zu, dass sich im Kopf nur EIN Gedanke ausbreitet: Shopping! Und dann hat man eben irgendwann genau die hohle Rübe, die man verdient! "Haben oder Sein?" - Das ist hier die Frage... Ich jedenfalls BIN enttäuscht, auch wenn ich weiß, wo es her kommt. Und so war die Verabschiedung etwas frosig. Seither finde ich, es hat mir überhaupt geholfen, Abschied zu nehmen. Das Bedauern ist geringer. Oder doch nicht?

Lagerleben (II)

Neues Leben kam mit der Anreise polnischer, bulgarischer, litauischer und weiterer deutscher Schüler, die hier ein "Europa- Camp" veranstalteten, an dem wir teilhaben konnten. Damit entfiel die Notwendigkeit, sich Beschäftigungen auszudenken und Stefan konnte ungestört schneiden. Allerdings lief die Sache nicht so gut an, weil nur die ukrainischen Schüler wirklich gut Deutsch konnten. Verkehrssprache wurde Englisch, was aber die meisten Bulgarinnen ebenfalls nicht besonders gut beherrschten. Die Kennenlernspiele der deutschen Kolleginnen lösten Gähnen aus, das Europa- Programm ebenso. Beim Sportfest allerdings fanden die ersten Begutachtungen von Vertretern des jeweils anderen Geschlechts statt und wie schnell sich da Sympathien herausbildeten, konnte man an den abendlichen Wanderwegen der Jungs und Mädels gut beobachten. Nächtliche Erfolge wie Misserfolge standen anderntags so manchem girlie im Gesicht geschrieben. Da wurde der vorüber gehende Roman (zweiter Sieger des Sportfestes!) mit glänzenden Augen angesehen; aus einem anderen löste sich eine kleine Träne! Wie schnell das geht?! Der Teufel Alkohol, hier sicher als "Mutmacher" gebraucht, hatte aber auch hier unerwünschte Nebenwirkungen. Ob sich manch eine nicht doch am anderen Morgen geschämt hat, wenn sie daran dachte, wer am vorigen Abend alles zugesehen und mitgehört hat? Ich hab nicht gefragt und meine eigene Erinnerung an "früher" gab da außer (öffentlichem) Knutschen nicht viel her. Kumpel Benno haben wir jedenfalls einmal verboten, mit seinem völlig abgefüllten Mädel ins Nebenzimmer zu verschwinden. Das immerhin weiß ich noch. Na, sei's drum. Wenigstens waren es nicht "meine", die nachts an der Tankstelle von der Polizei aufgegriffen wurden, weil sie Alkohol kaufen wollten. "Meine" wunderten sich nur, dass man hier in Deutschland das Alkoholverbot für unter 18-Jährige wirklich ernst nimmt. Sie verrieten mir dann allerdings auch, wie leicht es einem hübschen Mädchen fällt, irgendeinen älteren Herren dafür zu gewinnen, den gewünschten Wodka oder die Flasche Wein für sie zu kaufen. Hat da irgendein Pädagoge noch Illusionen? Offensichtlich ja, denn die deutschen Kolleginnen ließen über das Ordnungsamt die umliegenden Verkaufsstellen noch einmal an das Verkaufsverbot erinnern. Für solche Formalismen hatten meine Schülerinnen und Schüler kein Verständnis. Wofür ich alles hätte aufkommen müssen, wenn jemandem bei den ausgedehnten Radtouren, die sie (die z.T. das erste Mal auf einem Rad saßen!) natürlich doch nicht nur an der Strandpromenade entlang, sondern bis nach Bergen hin unternahmen, etwas passiert wäre, das lag und liegt jenseits ihrer Vorstellungskraft. Man steht halt mit einem Bein im Gefängnis, kann aber doch nichts anderes machen als das Risiko einzugehen, denn sonst findet gar kein Jugendleben mehr statt. Die Jugendlichen ihrerseits werden mich aber wohl nur als die Nervensäge erinnern, die meinte, immer wieder auf diese oder jene Verhaltensvorschrift hinweisen zu müssen...

Lagerleben (I)

Sellin auf Rügen also. Schon nach einem kurzen Spaziergang am Strand bzw. durch den Ort ist klar: an Naturschönheiten und deutscher Landeskunde im Allgemeinen ist hier niemand interessiert. "In Czernowitz war alles besser. Hier gibt es keine Diskos, nur alte Leute, und man kann nicht shoppen gehen!" - so Julia oder Anja, ich weiß es nicht mehr. Irgendwo ist da ja auch was dran, denke ich, und versuche das Lagerleben zu retten. Zunächst verdonnern wir also unsere "lieben Kleinen" in allem, was die Lagerordnung anbelangt, beschließen aber, es mit der Kontrolle und Durchsetzung nicht allzu genau zu nehmen. Sollen sie wenigstens abends und nachts ihren Spaß haben! Den Wodka allerdings zogen wir ein und nach Möglichkeit sahen wir zu, dass niemand in den Genuss kam, den fehlenden Nachtschlaf am Tag nachzuholen. Das zeigte zunächst auch Wirkung und wir, also Stefan Koeck (Medienpädagoge/ Stralsund), Michael Petrowitz (Drehbuchautor/ Berlin) und ich (arbeits- und einkommenslos), versuchten überdies, die Gestaltung der Nächte ein bisschen mit in die Hand zu bekommen. Das klappte, solange wir allein waren, ganz gut, vor allem der spontan- verrückten Ideen wegen, die Stefan so hatte. Eines Abends beispielsweise drehte er seine Musik am Computer so laut es ging, schaltete das Schaubild des Mediaplayers zu und warf die Zufallsgrafiken per Beamer an die Wand des gegenüberliegenden Bungalows. Bald waren alle draußen. Michael führte unermüdlich seine Schattenspiele vor, die Jugendlichen lachten und kabbelten sich bis zum Ende der nächtlichen "Veranstaltung". Was sie danach noch machten, wer wollte es wissen? Wichtig war nur, dass wir es nicht zu sehen und alle keine negativen Folgen zu spüren bekamen. Dennoch war mir zeitweilig recht mulmig zumute, vor allem, als ich durch Zufall Fotos sah, die des Nachts mit dem Handy am Strand aufgenommen worden waren. Gegen die Nacktheit schöner Mädchen ist wenig zu sagen, wenn diese sich halt ansehen lassen wollen, gegen das nächtliche Baden sollte ich allerdings was haben. Ob der Versuch, auf die "weiche Tour" an das Verantwortungsgefühl zu appelieren, gefruchtet hat. Ich wage es zu beweifeln.

Blieben die Tage. Zunächst konnten wir nicht klagen. Es regnete, aber man beschäftigte sich im Tischtennisraum, am Billardtisch oder im Internet. Vor der Arbeit drückte sich niemand, ganz im Gegenteil. Wir waren ja hier, um aus ca. 18h Videomaterial, das wir im März in Chernivci abgedreht hatten, einen Film zu machen. Alle wollten das Ergebnis und so wurden die Übersetzungen in Null- Komma- Nix fertig, die Untertitel tippten meherer Teams im Akkord und auch im Schneideraum maulte keiner über stundenlange Sitzungen, in denen die Ukrainer Stefan die Einsätze in den ukrainischsprachigen Interviews weisen mussten. Aber es waren nicht immer alle beschäftigt und so zahlte ich aus meiner Tasche die Gruppenfahrscheine nach Bergen, damit auch shopping möglich würde. Gut, ich habe nicht laut gesagt, dass es mich 150 Euro kostete und eigentlich erwartete ich auch keinen Dank, aber ganz ohne Frustration habe ich dennoch nicht mit anhören könne, wie das miese Angebot in Bergen kritisiert wurde. Das war also auch nichts, obwohl sie alle hin fuhren und mit Kinkerlitzchen aus dem 1- Euro- Laden bepackt wiederkamen. Ja klar, gegen die glitzernden Konsumtempel, die seit zwei Jahren in Czernowitz für Weltstadtflair sorgen, kommen die Provinzshops in Bergen natürlich nicht an. Das sind eben so die neuen Maßstäbe einer Generation, die Anstehen und Konsumgütermangel nur aus Erzählungen kennt, die damit verbundenen (wahn- und zwanghaften) Ersatzhandlungen ihrer ebenfalls kaufsüchtigen Eltern aber als selbstverständlichen Lebensinhalt übernommen hat. Und ich? Regte sich pädagogisches Gewissen? Ja, es regte sich! Aber ich sah auch dieses Funkeln in den Augen und dachte bei mir, es würde dieses eine Mal schon nicht so schlimm sein. Warum mit Windmühlen kämpfen? Doch es wurde schlimm. Aber das passierte später.