Reisebilder aus der Ukraine, der Slowakei, Rumänien und Osteuropa. Reflexionen zum Alltag, Reiseberichte, Kurioses und Interessantes vom Zusammenleben der Völker, Privates für Freunde und Bekannte...

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Freitag, 21. Mai 2010

Der 8. Mai in Rot- Schwarz

Von dem neuen Rechts- Nationalismus in der (West)Ukraine war an dieser Stelle schon des Öfteren die Rede. Hier ein erneutes Beispiel für den Kampf um die Deutungshoheit der jüngst vergangenen Sowjetgeschichte. Während im ganzen Land die Feiern zum 09. Mai vorbereitet wurden und wetterwendige - weil um ihren Job fürchtende - Politiker auch brav dem neuen Kurs folgend zur Kranzniederlegung ans sowjetische Ehrenmahl schritten, riefen Andere zur Gegendemonstration in den galizischen Farben schwarz- rot auf. (Wer nicht genau erkennen kann, wer da vor dem stolzen Wappentier in wohl bekannter Ikonografie Wache hält, der muss halt mal drauf klicken.) In den Dörfern rund um Ivano fanden denn auch demonstrative Prozessionen zu den Monumenten der Helden des nationalen Widerstandes (und der Kollaboration) statt....

Wie sagte doch der neue Bildungsminister der Ukraine? "Unsere (die in der Ostukraine verehrten- F.S.) Helden sind in ihren (der Westukrainer - F.S.) Augen Verbrecher, ihre Helden in unseren Nazi- Kollaborateure und Terroristen." Der Mann mag sogar was Richtiges beobachtet haben, bloß so wird kaum zusammenwachsen, was zusammen gehört...

Montag, 29. Juni 2009

Verkaufskultur und ihre Folgen

Also, der kleine - eigentlich günstig um die Ecke gelegene - Supermarkt "Wopak" kann mir nun endgültig... Ohnehin nicht gerade mit einem reichhaltigen Warenangebot gesegnet, nervte mich dort immer schon die beinahe aussichtslose Suche nach frischen Lebensmitteln. Meine Lieblingssorte Schmierkäse lag wochenlang mit dem Aufdruck eines um mehr als einen Monat überzogenen Verfallsdatums im Regal und als endlich Frischware auftauchte, also ein paar Packungen, die gerade noch so im Haltbarkeitszeitraum lagen, nahm die Verkäuferin sie mir aus dem Wagen und legte die alten rein. Die müssten halt weg... Nun, was einem arroganten Westler in einem solchen Falle über die Lippen kommt, kann man sich vorstellen. Ich habe mich nicht beliebt gemacht...

Trotz aller Vorsicht beim Einkauf hat es mich nun aber doch erwischt. Offensichtlich hatten die gestern "frisch" gekauften Kabanossi vom Typ "Mysliwskie", die auf ihrer Verpackung keinerlei Angaben über den Verfall tragen, doch länger als erwartet irgendwo in den hinteren Regalteilen gelagert, ehe sie von einer umsichtigen Verkäuferin endlich mal "nach vorne" gelegt wurden. Sie sahen ja auch noch gut aus und das wird gereicht haben, diese Aktion zu legitimieren!

Mir ist auch nichts aufgefallen. Die unseren Knackern ähnlichen Würstchen schmeckten wie gewohnt und bis 22.00 Uhr ging es mir gut. Dann aber setzten Magenkrämpfe ein, die trotz Mezym- Forte nicht nachließen. Einzige Linderung - Omas gute Wärmflasche! Durchfall kam etwas später. Ob meiner Bemühungen, endlich doch einzuschlafen, hatte ich das gegen 04.00 Uhr anfallartig über mich hereinbrechende Fieber gar nicht registriert. Von Schneestürmen und Eiswasser träumend begriff ich erst spät, dass der Schüttelfrost keine Kälte aus dem Traum war, sondern vom Fieber her rührte. Das kannte ich von Polen her, wo es mich schon einmal so erwischt hatte: Salmonellen! Kurz nach dieser Erkenntnis sckte ich - wie damals, als ich noch 40 Grad registriert hatte - einfach weg, ohne etwas unternehmen zu können. Aufgewacht bin ich dann gegen 13.00 Uhr und außer dem klatschnassen Bett war alles relativ normal. Ein bisschen kottrig fühlt es sich an, man hat Grummeln im Bauch.

Wenn sich die Anfälle nach Ablauf von 6 h wiederholen, hat es mich bös erwischt. Das wusste ich noch von damals, als ich vormittags brav ins Kolleg ging, nachmittags dann hingestreckt wurde. So hab ich heute die Bettwäsche gewaschen und dabei bang auf einen neuen Anfall gewartet. Nun sind die 6 h deutlich überschritten und ich habe schon zwei Mal was gegessen. Entwarnung also.

Was ist weiter zu tun? Der tägliche Nachhauseweg wird von jetzt an am Hotel "Nadia" und der dortigen Delikatess- Halle vorbei zum "Wopak" führen, wo ich nur noch Bier und Wasser kaufen werde, um es nicht so weit schleppen zu müssen. Mal abgesehen vom Sprachproblem ist Sich-Beschweren wohl aussichtlos. Es würde auch kaum was ändern. Beim Thema "Gesunde Lebensmittel" wussten jedenfalls viele der 20 Drogobycer Schüler von regelmäßigen Vergiftungen im Sommer zu berichten, weswegen sie dann "Produkte" ihrer Gärten bevorzugen. Wohl dem, der eine Datscha hat...

Samstag, 31. Mai 2008

Friedhöfe

Also, Friedhöfe haben hier schon was. Es gibt viele, die untergegangene Besiedlungskulturen dokumentieren (Polen, Deutsche, Armenier usw.), andere, die – tragischerweise – den Untergang ganzer Völkerschaften anzeigen (Juden). Und als historische „Dokumente“ sind sie selbst wieder lesbar als Zeichen des Umgangs mit Gedächtnisorten, mithin dem Gedenken schlechthin.

Die jüdischen Friedhöfe verwahrlosen und zeigen an, dass sich kaum noch jemand um die Gräber kümmert, kümmern will oder kümmern kann. Im Falle von Czernowitz, wo etwa 70 000 Grablegen eine Nekropole von einigem kulturgeschichtlichen Rang anzeigen, ist die Tragik fassbar, aber doch auch unverständlich. Wenig Geld wäre vonnöten, die Wege begehbar zu halten und die Friedhofssynagoge (Begräbnishalle) in Stand zu setzen. Sollten das die (meist nach Israel ausgewanderten) Hinterbliebenen nicht aufbringen können? Auch institutionalisierte Träger von Gedächtniskultur scheinen sich um den hiesigen Friedhof nicht zu kümmern. Er ist zwar als „historisch“ und schützenswert ausgewiesen, aber die allerorts spürbaren Versuche, die Stadt zu ihrem 600jährigen Jubiläum auf Vordermann zu bringen, gingen bisher an den eingestürzten Mauern und überwucherten Gräber der einstigen Mitbewohner vorbei. Juden gehören offensichtlich nicht einmal als historische Tatsache zur Geschichte der Ukraine. In der Schule feiert man Bohdan Chmelnitzky als so etwas wie einen Staatsgründer (welchen Staates?); dass in den Kosakenaufständen der erste Genozid an Juden verübt wurde, ist unbekannt. Unbehaglich ist das Thema allemal, denn wenn man jemanden daraufhin anspricht, kommt oft Antisemitisches zu Tage. Gegen Juden direkt hat dabei kaum jemand etwas, aber hierher gehören sie doch nicht (sollen nach Israel gehen). Oder man ist eben einfach stolz darauf, keinen Juden in der Familie zu haben, und hat man einen, dann ist es sicher der davongelaufene Schwiegersohn (typisch Jude!). Anders als in Deutschland, und vielleicht auch anders als man es sich angesichts des viel geschmähten Antisemitismus in der Sowjetunion vorstellt, funktionierte die Integration der Juden auf den öffentlichen Friedhöfen zumindest in Chernivci allerdings problemlos. Angesichts der vielen jüdischen Namen, der hebräischen Schriftzeichen, der Davidsterne und bisweilen auch der jiddischer Verszeilen (siehe Foto) auf den Gräbern offensichtlich stadtbekannter und daher auch etwas abgesondert beigesetzter Persönlichkeiten (Theaterleute, Mediziner, Musiker, Professoren usw,) fragt man sich schon, ob das zu ihren Lebzeiten ebenso selbstverständlich war. Vielleicht ja, denn auf meine Frage, ob mein verehrter Kollege Zuckermann wegen seines Namens nicht manchmal Probleme mit den Schülern oder Eltern hätte, antwortete die stellvertretende Direktorin Frau Banar im Brustton der Überzeugung: „Felix ein Jude? Ach was, das ist doch unser Felix!“ Wobei die Betonung auf „unser“ lag…

Die öffentlichen Friedhöfe also. Auffällig und ungewohnt für deutsche Augen sind die in die meisten Grabsteine eingelassenen Fotos. Oft finden sich neben den Grablegen auch Bänke und Tische, die am Tag des Totengedenkens genutzt werden, an dem man sozusagen noch einmal mit den Toten isst und trinkt und sich (und ihnen) das Neueste erzählt. Waren die Grablegen und die Steine zu früheren Zeiten sichtbar standardisiert und wenigstens in der Größe von eher schlichtem Format, so treibt die neue Freiheit heute auch hier merkwürdige Blüten der Geschmacklosigkeit hervor. Bänke und Tische sind nun aus Granit oder Marmor und gehören zu einem Ensemble, das mal einem griechischen Arkadengang ähnelt, mal von Einfriedungen im Stile der Renaissance umgeben und gemessen an der Bedeutung der begrabenen Person im Leben auf jedem Fall zu gewaltig daher kommt. Oft treten einem nun die hier Bestatteten in Lebensgröße (als Turner am Reck oder als 16jährige Ballerina in Pose) entgegen oder es findet sich auf der Rückseite der Steine ein dezenter Hinweis auf die Todesursache (den Lebensinhalt?) des Verblichenen. Oder was sonst soll der in einer Serpentine kurvende Mercedes zu bedeuten haben?

Ein besonderes Kapitel sind aber die Kindergräber. Wie geht man mit solch einem Verlust um? Kann man es ertragen, bei jedem Friedhofsbesuch an ein lachendes Gesicht erinnert zu werden? Offensichtlich ja, denn nicht selten finden sich Skulpturen, die auch die Kleinen in ihrer ganzen Zartheit und Zerbrechlichkeit (Zerbrochenheit?) darstellen. Dabei ist das alles ziemlich bunt und meist gar nicht sehr feierlich, jedenfalls überdecken die vielen leuchtenden Plastikblumen auf den Plastikkränzen jeden aufkommenden Anschein von Düsternis. Schwarze Schleifen finden sich auf frischen Gräbern; auf denen älteren Datums leuchtet ein mehr oder weniger neues Kranzimitat mit roten, blauen, gelben oder weißen Blumen, oft in den Nationalfarben blau- gelb. Die sind im Straßenbild und auch auf den Friedhöfen bzw. rundherum als Farbgebung der Bänke, der Buswartehäuschen, der Zäune oder Eingangstore so allgegenwärtig, dass man meinen könnte, die Regierung habe einen Rabatt für himmelblau und quittegelb verkündet. Möglich wär’s immerhin…

Mittwoch, 14. Mai 2008

Kommt ein Vöglein geflogen…

Ja, das brachte früher wohl der Liebsten Brief, heute ab und an so genannte „Kurierpost“. Verfolgt man den Weg vom Vögelchen – einer Brieftaube vielleicht – in die moderneren Zeiten des Postverkehrs, dann gehören Assoziationen vom Posthorn wahrscheinlich mit dazu. Man möchte nun denken, dass auch diese Zeiten längst entschwunden sind und sich ein solcher Hornstoß selbst in der Ukraine oder noch weiter östlich nicht mehr antreffen lasse. Das stimmt auch, solange man an des Posthorns Laut im Wortsinne denkt. Nimmt man es aber als Metapher, dann sieht die Sache schon anders aus.

Also, da gibt jemand in Kiew ein Paket auf, adressiert an „Frank Steffen, Telefonnummer, Chernivci“. Wie soll der arme Mann mich finden in einer Stadt von immerhin über 200 000 Einwohnern? Nun, das moderne Posthorn macht’s möglich! An etwas anderes konnte ich jedenfalls nicht denken, als heute mitten im Unterricht das Handy klingelt und eine Stimm erklang wie Donnerhall: „In 10 min am Soborna- Platz!“ – Nun ist der arme Ausländer natürlich etwas blöde und kommt anfangs gar nicht auf die Idee, dass die Befolgung oder Nicht- Befolgung dieses gebrüllten Kommandos über Wohl und Wehe einer Büchersendung entscheidet. Welcher Idiot kommt da auf die Idee… ? – Gerade noch rechtzeitig fiel mir dann doch ein, dass ein Bücherpaket avisiert war. Also flugs das Handy ans Ohr einer Schülerin und die Bitte formuliert, der Kurierdienst möge doch zur Schule kommen. Das geht aber nicht, warum auch immer. Glücklicherweise lässt sich der Herr jedoch dazu herab, einen neuen Termin (den alten hätte ich auch mit Auto vor der Tür nie im Leben einhalten können) außerhalb meiner Arbeitszeit zu akzeptieren. Der Treffpunkt hinge vom Zeitpunkt ab. 15.00 Uhr? Ja, da sei er am Busbahnhof.

Nun steht der Abwicklung der Sache nichts mehr im Wege. Da mein Auto in der Garage auf bessere Tage wartet, schnappe ich mir ein Taxi und suche am Busbahnhof einen weißen Transporter mit der Aufschrift „Möbel- Unger“. Das klingt immerhin vertraut und solide und so ist es dann auch. Zwar muss der schlafende Fahrer erst geweckt werden, aber dann bekomme ich ohne Umschweife und weitere Nachfragen nach einem Ausweis oder ähnlichem mein Paket und kann es stolz mit dem Taxi in die Schule fahren. Ob eines solchen Luxus erstaunt mein Direktor etwas – er steht wie immer rauchend und als gutes Vorbild für seine Schüler am Eingang – doch mich lässt das kalt: Insgesamt nur eine Stunde Aufwand und etwa 3 Euro für das Taxi. Das bezahlt ein Bundesprogrammlehrer (wie so Vieles andere) doch locker aus seiner eigenen Tasche, oder?

Mittwoch, 7. Mai 2008

Von (Gold)Medaillisten und Wundern

Also, Wunder gibt es bestimmt. Manche Schüler in der Ukraine sind nach der 10. (nach unserer Zählung also schon nach der 9.) Klasse bereits studierfähig. Das kommt regelmäßig dann vor, wenn a) die Mutter an der Schule und b) der Vater als Dekan an der betreffenden Hochschule tätig ist. Umgekehrt könnte es auch sein, ist aber wohl eher selten. Jedenfalls ist der junge Mann/ resp. die junge Frau dann vom Abitur irgendwie einfach befreit und kann die sowieso ungeliebte Schule verlassen und sich „Student“ resp. „Studentin“ nennen. Für die stolzen Eltern ist die Sache natürlich „prestishny“, bringt also Prestige, obwohl jeder weiß, wie es dabei zuging. Aber das ist eben das – aus dem Rotlichtmilieu hinlänglich bekannte – "Mc- Donalds- Phänomen": Zwar geht keiner hin, aber jeder weiß Bescheid! Und so gibt es an meiner Schule auch keine Korruption, obwohl… Ja, obwohl man schon weiß, wie die Goldmedaillen – sie berechtigen zum kostenlosen Studium und zum Stipendienempfang – zustande kommen Bisher dachte ich immer, die Eltern und die Lehrer würden das so untereinander „ausmauscheln“ und die Kinder wüssten nix davon. Aber weit gefehlt: Die Jugendlichen hier wissen ganz genau, wer sich die Medaille erschuftet hat und wem sie gekauft wurde. Erschuftet? Gekauft? Nun ja, das ist alles relativ. Also, nach der 10. Klasse gibt es so eine Prognose, wie viele Medaillen vergeben werden. Drunter bleiben geht dann nicht mehr – das Prestige der Schule ist in Gefahr. So haben diejenigen Schülerinnen und Schüler, die nach der 10. Klasse den „Geruch“ eines Medaillisten hatten, beste Chancen, es in der 11. Klasse zu bleiben, selbst wenn sie nie mehr im Unterricht erscheinen. Bleiben noch diejenigen, die in der 10. Klasse bestenfalls zu den Silbermedaillengewinnern zählen. Sie bekommen für das „Silber“ außer der Ehre nichts, was nicht gut ist, wenn man bedenkt, dass das Stipendium zwar niedrig (um die 50 Euro im Monat), aber in summa doch „Geld wert“ ist. 50 Euro im Monat macht 600 im Jahr und vielleicht 3000 im Verlaufe des Studiums, das ohne goldene Medaille sowieso schnell mal 5000 – 15000 $ kostet. Da sind Eltern natürlich auf dem Sprung, bis zu einer gewissen Höhe zuzuzahlen, damit es auch klappt.

Zuzahlen also. Aber wie läuft das? Natürlich trifft es nur die Lehrer in den Fächern, in denen der Schützling Probleme hat. Ich habe schon geschrieben, wie „viel“ ein Lehrer hier verdient, also dürfte klar sein, dass (fast) jeder Lehrer bestrebt ist, es seinen Schützlingen so schwer wie möglich zu machen, ein gutes Endergebnis zu erzielen. Die Leistung zählt auch, ist aber angesichts der pekuniären Interessen durchaus zweitrangig. Klar, dachte ich, da gehen also die Eltern stillschweigend zum Lehrer, verhandeln den Preis und lassen ihre Schützlinge in dem guten Glauben an die „Leistungsgesellschaft“. Wie sollen die sonst zu Höchstleistungen motiviert werden? Aber es ist ganz anders: Da geht schon mal eine Lehrerin auf eine Schülerin zu und bietet ihr an, die erstrebte Note für 15 Euro „Gratifikation“ zu erwerben. Und auch das „Angebot“ an die Eltern wird über die Schülerinnen und Schüler vermittelt, ausgenommen die Angst- Mache durch den Klassenlehrer/ die Klassenleiterin – die funktioniert nur in der Elternversammlung und führt regelmäßig dazu, dass die Eltern für die Not leidenden Lehrer kräftig „spenden“. Vor einer Deutsch- Prüfung bekommen die Prüfer in der 9. Klasse dann einen Umschlag (alle, also pauschal), in dem sich 30 UAH (ca. 4, 50 Euro) befinden. Das bedeutet für den Einzelnen nichts, sichert aber allen einen Durchschnitt über der magischen „8“- was in etwa „gut“ bedeutet. Bessere Einzelleistungen sind gesondert abzurechnen…

Heißt das nun, dass es gar keine Leistungen mehr gibt? Nein, von den Schülerinnen und Schülern, die ich kenne, hat wohl eine Mehrzahl ihre Medaillen durch fleißige Lernarbeit in den ersten 10 Klassen erworben, ca. 30 % werden sie kaufen können (ganz schlechte Schüler haben doch keine Chance- das würde sogar hier zu sehr auffallen!). Doch setzt sich dieses „System“ an den Unis fort, weshalb man am Ende doch in vielen Fällen einen guten Arzt trifft, immer öfter aber auch einen, der Zähne anbohren nur deshalb darf, weil seine fehlende Eignung aus leicht einsichtigen Gründen kein Hinderungsgrund für die Berufsausübung mehr ist. Wie sich das im Falle von Installationen, angeklebten Kacheln und schlecht reparierten Autos im Alltag widerspiegelt (hier können alle Männer alles- aber eben nur schlecht!) habe ich schon oft beschrieben. Warum es immer noch Menschen gibt, die trotzdem etwas zu leisten imstande sind, ist mir manchmal schleierhaft. Dass es sie aber dennoch gibt, macht Hoffnung- hier wie anderswo. Ich drücke meinen Schülerinnen und Schülern und mir selbst die Daumen, dass möglichst viele von „meinen“ Absolventen sauber bleiben und den schwierigen, nicht den leichten Weg zu Ende gehen.

Dienstag, 4. März 2008

Manieren

"Andere Länder, andere Sitten"- wohl wahr. So muss Mann schon hinnehmen, an Schulen, Universitäten und anderen öffentlichen Einrichtungen ziemlich oft von Frauen regiert zu werden. Schlimm? Für mich nicht. Wie ukrainische Männer im Einzelnen darüber denken, kann ich nur vermuten, dass sie sich "rächen", kann man täglich erleben: In der Ukraine ist es nicht üblich, als Mann einer Frau die Hand zu geben. Die dahinter stehende Geringschätzung wird als solche natürlich weder thematisiert noch erkannt, es ist eben Tradition. Ein bisschen komisch ist es aber doch, wenn man neben seiner Chefin, immerhin der Koordinatorin eines staatlichen Programms, auf den Direktor einer Schule zugeht und dieser zuerst den männlichen Begleiter begrüßt und eben auch nur diesem die Hand gibt...
Ein anderes, den deutschen Lehrenden irritierendes Problem, ist das besonders in Erkältungszeiten absolut nervige ständige Schniefen im Raum. Mann hat nun mal kein Taschentuch und Frau würde ihr "Tempo" niemals in der Öffentlichkeit benutzen. Drängt es nun zu sehr, so sehr, dass Mann auf der Straße mit einem Druck an den Nasenflügel einen gekonnten "Rotz" auf die Straße hinlegen würde, folgt im Unterricht die brave Frage: "Darf ich mal raus?" In der Schule behelfen sich so Mädchen und Jungen. Wie die Frauen das auf der Straße "erledigen", habe ich noch nicht gesehen. Diskretion funktioniert also. Umgekehrt irritiert es die Schüler allerdings auch sehr, wenn ihr konservativer Lehrer zum Schnupftuch greift und nur leicht abgewendet im Klassenraum diesen offensichtlich streng verpönten Akt durchführt. Soll man sich besser anpassen? Genau hier beginnen die wirklichen, weil praktischen Probleme des Multikulti...
Apropos: Natürlich spielen die schon besprochenen Mentalitätsunterschiede auch bei den Manieren eine große Rolle. Die Erziehung kritischer und einander im Team helfender junger Menschen stößt schnell an Grenzen, die ein Schüler meiner 10. Klasse heute so formulierte:

"Für mich sind gute Manieren:
1. Niemals einem anderen seine Fehler sagen.
2. Niemals in fremde Angelegenheiten meine Nase reinstecken.
3. Allen helfen, wenn ich kann.
4. Höflich und herzlich sein.
5. Die Etikette einhalten."

Kritik jeder Art gilt so sehr als unhöflich, dass sie nur als martialisches Zusammenbrüllen vom Chef akzeptiert (und praktiziert) wird. Sonst lobt man einander mit dem Satz "Alles, was X gesagt hat, war gut." - "Y ist meine Freundin. Wie kann ich ihr sagen, was ich nicht gut fand?" Und weil Y die Freundin ist, darf sie abschreiben, kriegt sie den Kassiber zugesteckt, sagt man ihr vor usw. Alles andere wäre weder hilfsbereit noch "höflich und herzlich". Nur mit der Etikette ist es so eine Sache. Klar, man weiß, welche Geschenke es an welchen Feiertagen für die Lehrer geben muss und wieviel Geld im Umschlag (vor der Prüfung abzugeben) höflich ist... - bloß die Frage, ob man der Veteranin des Weltkrieges im O- Bus einen Platz anbieten soll oder nicht, da sind die jungen Männer und Frauen schon unsicher geworden. Mädchen übrigens finden es schade, dass die Männer heute nicht mehr aufstehen, wenn eine Dame den Raum betritt. Ob sie es, wenn sie älter sind, auch fertig kriegen, einem Mann, der beide Hände voller Einkaufsgut hat, einfach die Ladentür an den Kopf zu schmeißen, vielleicht aus Wut darüber, dass er sie ihrer sonnenbebrillten Schönheit nicht aufgehalten hat? Aber vielleicht bin ich da zu böse und wenigstens das ändert sich noch, wenn irgendwann auch hier die Männer nicht bloß den Wodka kaufen gehen, sondern auch die Kartoffeln nach Hause schleppen...