Reisebilder aus der Ukraine, der Slowakei, Rumänien und Osteuropa. Reflexionen zum Alltag, Reiseberichte, Kurioses und Interessantes vom Zusammenleben der Völker, Privates für Freunde und Bekannte...

Sonntag, 28. Juni 2009

Marmor, Stein und Eisen bricht...

... bloß unsere Liebe nicht- so hieß es mal in einem vor ziemlichn langer Zeit populären Song. Gute Frage, ob die jungen Leute, die ihre Liebe mit Schlössern an die rostigen Geländer der Brücke zur Ivano- Frankiwsker "Liebesinsel" gekettet haben (gesehen bei einer meiner letzten Wanderungen hier), von der Vergänglichkeit, dem Brechen aller harten Materialien gehört haben. Mag sein, dass "Liebe" nicht bricht, obwohl sie doch ofensichtlich in der Lage ist, Herzen zu brechen. Soll sie aber überleben, soll auch das Herz überleben, muss sie biegsam sein, sich an keine Moral "ketten" lassen, deren Grundbestand aus einer Zeit ohne Kontrazeption und der (aus heutiger Sicht) übersteigernten Bedeutung des Erbes und damit des Erben erwachsen ist. "Liebe", sagen die Franzosen, "ist ein Kind der Freiheit". Wozu also Ketten resp. Schlösser, die einschließen, was in die Welt hinein zu öffnen das Vernünftigste wäre...

Samstag, 20. Juni 2009

Ivano Frankivsk- jüdischer Friedhof

Leider begann es zu regnen, als Anne- Sophie und ich den Friedhof erreichten, der unweit meiner Jogging- Strecke um den See herum zu finden ist. Ich war einmal schon fast da, drehte aber bei der damaligen Foto- Wanderung genau einen Querweg vorher ab, weil mir die Gegend dort nicht eben interessant erschien. Nun, mit sachkundiger Führung, war ich also da.

Der Friedhof ist an seiner noch teilweise intakten (oder doch einst restaurierten?) Feldstein- Mauer in seinen ehemaligen Ausmaßen gut zu erkennen. Ein großes Areal, auf dem die Grabstellen jedoch zumeist eingeebnet sind. Eine Frau machte Heu, als wir kamen. Ich hätte sie fragen sollen, ob das als Friedhof- Pflege zu interpretieren sei, oder ob sie nur privat das Gelände nutzt. Wie dem auch sei, auf diese Weise sieht man, dass da (fast) nichts mehr ist. Vereinzelt finden sich Reste von Grabstellen, Grabsteine keine. Wahrscheinlich haben schon die Nazis sie für andere Zwecke "verwendet". Was noch steht, ist wohl später wiederaufgestellt oder neu errichtet worden. Wie in Czernowitz sind diese historischen Steine wild von Unkraut und Gebüsch überwachsen. In Czernowitz übrigens plant die "Aktion Sühnezeichen" eine Aktion zur Pflege des Friedhofs- so Anne- Sophie, die es aus dem Internet hat. Sollen sie. Nötig wäre es auf jeden Fall. In Sniatyn gibt es eine ähnliche, allerdings deutsch- polnisch- ukrainische Gemeinschaftsaktion, die den Bewohnern der Stadt am Beispiel ihres historischen Friedhofs die Geschichte näher bringen soll. Auch in Ivano wusste keiner meiner Schüler, wo sich der jüdische Friedhof befindet...

Ein kleiner Teil des hiesigen Friedhofs ist bis in die 60er oder 70er Jahre hinein noch genutzt worden. Dort finden sich Gräber eher schon sowjetischen Zuschnitts. Einen separaten Teil mögen die deutschsprachigen Juden gehabt haben, jedenfalls liegen nahe dem Eingang einige Reste von Grabsteinen mit deutschen Namen.

Das war es denn auch schon. Mehrere separate Gedenksteine erinnern u.a. an die "beinahe 100 000 Sowjetbürger", die dem Terror zum Opfer fielen, an die ermordeten Juden von Borodszany, deren Überreste hier noch bestattet werden konnten. Ein neuerer Stein trägt eine hebräische und ukrainische Inschrift und am Eingang steht geschrieben, dass eine jüdische Familie den Erhalt des Friedhos ermöglicht hat. "Der Toten wird in ihren Familien in den USA und in Israel gedacht werden", so oder so ähnlich steht da geschrieben. Vermutlich zutreffend, denn jüdische "Familien" wird es in der Ukraine, wo ohnehin kaum jemand der ermordeten Juden gedenken würde, in nennenswerter Anzahl nicht mehr geben. Auch die Gemeinde in Ivano ist eine "Gemeinde auf Abruf", eine Gemeinde, in der man auf das Visum wartet oder auf die Ausreise, die man höchstens der noch lebenden Omas oder Opas wegen aufschiebt. Wo die begraben werden? Wer weiß- frische Gräber fehlen auf dem historischen Friedhof...

Oben, am regenverhangenen Himmel, krächzten die Raben. Totenvögel. Irgendwie passend zu dem verlassenen Areal, in dem sich außer uns nur ein Liebespärchen befand, dass sich vom Regen nicht vom Sockel des zentralen Gedenksteins vertreiben ließ. Liebe auf so einem Friedhof? Irgendwie passend zu der Hoffnung auf Zukunft, die es doch zu bewahren gilt (wenn es auch schwer fällt)...

(Leibliche) Freuden des Lebens

Alfreds Alumnis also. Oder doch schon meine jungen Freunde? Immerhin war es recht nett, als sie bei mir waren, und es ging lustig zu und wir haben Zukunftspläne geschmiedet. Den jüdischen Friedhof hier besuchen, gemeinsam mal nach Czernowitz fahren usw. Und kochen natürlich! "Zu Hause würde ich nicht kochen lernen wollen", meinte Ira, die Jüngste der Gruppe (auf dem Bild ganz rechts), "aber hier macht es mir Spaß." Wer war auf die Idee gekommen? Taras, Ökonomie- Doktorand an der hiesigen Vorkaparten- Universität, und - ganz nebenbei - Sohn meines Direktors? Oder hat Julia, zur Zeit eine mit ihrem Job nicht ganz zufriedene Anfestellte beim kommunalen Gasversorger (auf dem Bild links neben Taras), ihn (wie so oft) dazu provoziert? Die Premiere fand jedenfalls vor gut einer Woche als "Taras kocht das erste Mal Pasta" bei Anne- Sophie (oberes Bild ganz links), derzeit im sozialen Jahr bei der Caritas in Ivano, statt. Durch Zufall traf ich die jungen Leute in meinem Supermarkt und sie luden mich ein, doch einfach mitzukommen und mitzuessen. Pasta! Da konnte ich nicht "Nein" sagen ;-) Hat auch gut geschmeckt und lustig war es sowieso...

Am Montag haben sie sich dann erneut (diesmal schon mit mir) verabredet und gemeinsam erkundeten wir die Möglichkeit, in meiner kleinen Wohnung mit 6 Leuten zu kochen und anschließend das Zubereitete zu verspeisen. Taras war wieder der Hauptbeschäftigte, tatkräftig assistiert von Julia, die vom Teig kneten Muskelkater bekommen hat. Anne- Sophie konnte immerhin Kommentare über die notwendige End- Konsistenz des Teigs beisteuern- sie kennt sich als Saarländerin mit dem Teig- Kneten aus. Auf dem Speiseplan stand "Chatscha- Purri" (wie immer man das auch schreibt). Was das ist? Eine Art Teigtasche gefüllt mit einem Sahne- Käse- Gemisch. Für die Käse- Spezialität zeichneten Ira und Anja (Schwestern, Anja schon fertige Germanistin, Ira noch Studentin im bald 3. Studienjahr) verantwortlich. Hm, Ira immer in der Nähe von Taras, was ich - wenn ich ein Mädchen wäre - auch machen würde ;-) ...

Ich musste noch ein bisschen arbeiten und hab meine Testergebnisse, die Korrekturen von 30 schriftlichen Arbeiten konnte ich gerade so zur vereinbarten Zeit abschließen, noch eingeben und absenden müssen. Dann hab ich aber auch noch beigetragen: Mit geschnittenen Tomaten und der Verpflichtung, anschließend das Geschirr abzuwaschen! Es soll halt jeder tun, was sein Talent ist, oder? ;-)

Bleibt die Frage zu beantworten, ob es geschmeckt hat? Na aber! Es ist nichts übrig geblieben, obwohl alle wirklich gut satt geworden sind. So eine Käsefüllung hat es in sich!

Man sieht jedenfalls Erleichterung darüber, dass alles gelungen ist. Und auch Anja (auf dem Bild links) sparte nicht mit Lob über ihre tat"kräftige" Freundin. Sympathisch. Hier lernt keine für ihre künftige Rolle und Taras ist alles andere, als ein ukrainischer Macho. Einfach ein intelligenter junger Mann. Schön, dass es das immer wieder zu berichten gibt von einem Land, in dem ich sonst so viele mich eher unangnehm berührende Beobachtungen mache und auch mitteile. Es freut mich. Warum auch nicht?

Freitag, 19. Juni 2009

Reisen: Drogobyc und zurück

Ja, Drogobyc... 136 km hin und 136 wieder zurück. Anfangs ein Mal die Woche, dann - während des gerade heute zu Ende gegangenen Intensivkurses - jeden Tag. Im nächsten Jahr wird es mich Freitag und Sonnabend dorthin tragen, wobei ich wohl - zumindest im Winter - irgendeine günstige Übernachtung finden muss. Die gerade geflickten Straßen beginnen schon wieder unerträglich zu werden (siehe Bild unten- das alles ist erst vor einem Monat geflickt worden!). Ein bisschen Wärme und der Asphalt wellt sich, die "Kämme" der Erhebungen brechen und reißen auf, die frisch gepropften Löcher entstehen neu, weil in der Wärme der "handgestampfte" Bitumen einfach im Stück wieder raus fliegt... Mann o Mann, da tut einem das Auto leid! Es rumpelt und kracht und schlägt die Federung durch, dass es nur so eine Art hat! Im Dunkeln bei Regen und Schnee ist ab Herbst ohnehin kein Fahren mehr möglich. Das wäre, zumal nach einem anstrengenden Arbeitstag, einfach nur ein Himmelfahrtskommando...

Aber wie sieht es denn nun aus unterwegs? Für alle, die mich das gefragt haben, hier einige Bilder. Wie man sieht, ist es im Sommer ein schöner Arbeitsweg. Im Winter kann freilich jeder Berg das Ende der Fahrt bedeuten. Es geht immer am Rande der Kaparten entlang- hoch genug für Schnee und Eis. Ziemlich befahren auch. Aber das ist eher von Vorteil. Eine Kampffahrt im Winter dauert 3 h; heute komme ich (noch) in 2 h ans Ziel. Aber während ich im Mai noch erholsam und benzinsparend geruhsam fahren konnte, muss ich jetzt auf guten Teilstücken schon wieder statt 110 130 fahren, um es noch zu schaffen...

Drogobyc selber bietet wenig. Rings um das historische Rathaus sind die Straßen aufgerissen, aber an Fertigstellung der Arbeiten ist der Krise wegen nicht zu denken. Kein Geld! Dass Drogobyc nicht gerade floriert, sieht man auch sonst. Ungepflegte Wohngebiete und miese Straßen, kaum irgendwo ein sichtbarer Wille, der Tristesse einen Farbtupfer eigenen Willens zur "schönen Gestaltung" entgegen zu setzen. Eher trifft das schon auf die Schule zu, die ein Zentrum auch des gesellschaftlichen Lebens einer Stadt ist, in der die Schulen geradezu der Hort einer Rest- Kultur sind, die ansonsten längst unter die Räder des Kommerz geraten ist. Zur Disko fährt die Jugend denn auch ins etwa 20 km entfernte Truskawec. Das ist ein ziemlich trister Sanatoriumsort sowjetischen Zuschnitts, an dem nur der schöne Park und die Umgebung erwähnenswert sind. es stimmt wirklich, was einst ein estnischer Architekt zu Heiner Müller gesagt haben soll: "Die Russen haben überall, wo sie neu hinkamen, vieles Schöne zerstört, aber nichts Schönes aufgebaut" (sinngemäß in Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht). Betonschrott wo man hin sieht!

Alte Reste sind allerdings vorhanden. Hier im Bild die alte Synagoge. Es soll auch noch eine für die reicheren Juden gegeben haben. Vom Marktplatz zur Synagoge führt eine Gasse, die heute noch vom Handel lebt. So mag sie ausgesehen haben, "de gas". Hier in Drogobyc kann man ihre Enge und ihre (trostlose, dem Kleinhandel ergebene) Lebendigkeit noch spüren.

Aber das trifft nur den Tag. Um 18.00 Uhr wird abgebaut, etwas später klappen die Bügersteige hoch und nichts geht mehr.

Was macht man abends in Drogobyc? Sich fürchten...

Aber die Umgebung ist schön. 29 km weiter liegt Striy, von wo aus man auf die Straße nach Mukaczewo/ Uzhorod gelangt. Wenige Kilometer weiter beginnen die Kaparten, die schon von der Straße aus schön anzusehen sind. Für viele Stadtbewohner tut sich das Paradies schon wenige Meter von der Straße entfernt auf: Wie hier an einem Flusslauf, den die Straße quert, gibt es überall Grill- Plätze, die von den Wochenend- Vergnügungen der Leute künden. Shashlyk ist ohne Ende populär und sowieso in jeder abgelegenen Koliba das Essen, das immer schmeckt. Es sei jedem Ukraine- Reisenden ausdrücklich empfohlen!

Freilich räumen die Leute ihren Müll nicht weg, weshalb die einschlägigen Plätze einer Müllhalde ähnlicher sehen als einem Platz zur Erholung. Aber was soll's? Die Kaparten sind groß und in weiten Teilen kaum erschlossen. Einem Urwald ähnlich bieten sie demjenigen jede Menge Abenteuerspaß, der auf Komfort, ausgezeichnete Wanderwege und Kneipen am Wegesrand verzichten kann und dafür lieber ziemlich einsame und fast unberührte Natur genießen will (und kann). Sicher nicht mehr lange, aber noch geht es. So sei es denn empfohlen...

Alfreds letzte Tage...

Lange Zeit kam ich zu gar nichts. Schuld waren bis Ende Mai Alfreds Abschiedspartys, die nicht nur meine Anwesenheit, sondern auch die ganze mögliche Leberaktivität beanspruchten ;-) Also eher eine angenehme Ablenkung vom Schreiben eines Blogs.

Nun ist mein lieber Kollege also leider weg und ich spüre doch gelegentlich Einsamkeit, da man nicht mehr einfach anrufen und fragen kann: "Pack mer' sch? Um 19.00 im boczka?" Da fragt man sich schon, wozu die Sonne lacht und abends geradezu dazu einlädt, in einem der vielen Freisitze den hübschen Frauen hinterher zu sehen. Und sie sind doch hübsch, nicht? Links zwei von Alfreds Absolventinnen im Ukrainer- Outfit und mit der traditionellen Schärpe in den Landesfarben. Das war am 31. 05. Alfreds letzter Auftritt also. Leider war das "letzten Klingeln" total verregnet, weshalb auch keine guten Bilder gelungen sind. Aber ein paar mögen als Impression doch hierher gestellt sein. Unten "unser" Klassenraum, in dem die "Alumnis" Abschied nahmen und zeigten, wie sehr sie ihren Partner beim "activity" (einem Wortschatzspiel) vermissen werden. Taras, Julia und Anja (auf dem Bild) habe ich nun nebst Ira und Vika "geerbt" und ich werde mir Mühe geben, ihnen den Abschied vom "Übervater" ;-) etwas zu erleichtern. Nette junge Leute, mit denen es Spaß machen kann...

Noch einmal ein Essen beim Direktor und das war's dann. Alfred, ich werd' dich vermissen! Alles Gute in deinem Sabbath- Jahr mit Berta. Vielleicht sehen wir uns ja doch noch einmal in China oder Vietnam? Ich würde alles dran setzen, in eure Nähe zu kommen...

Samstag, 16. Mai 2009

Was sonst so los war: Buczacz und Swirsch

In die letzte "post- lose" Zeit fielen ja zwei Feiertage, der 1. und der 9. Mai. Zu beiden Tagen ist zu sagen, dass sie eigentlich nicht "begangen" wurden, jedenfalls habe ich außer ein paar Veteranen und einer Kranzniederlegung am 9. Mai, an der sich erwartunsgemäß eher wenige und meist ältere Leute beteiligten, nichts Aufregendes bemerkt. Die Geschäfte hatten geöffnet und das Leben florierte eher etwas bunter und etwas mehr als sonst - es war ja schönes Wetter. Umso befremdlicher, dass Schulen und Administrationen gleich vom 01. bis inkl. 04. Mai geschlossen blieben und feierten (was?) und dasselbe Spiel am 09. wiederholten, als wir bis einschließlich 11. Mai frei hatten. Genug Zeit, was zu unternehmen, zumal Besuch aus Kiew da war...

Zunächst wurde also die nähere Umgebung von Ivano wandertechnisch erkundet. Das Waldgebiet am äußeren Stadtring (Bild oben- Blick über die Hügel auf Ivano) erwies sich als groß genug, meine Damen "lahm" zu legen. Wir erreichten mit Müh und Not eine ansprechende "Koliba" (Freiluft- Grillgaststätte im huzulischen Stil, also mit gemauertem Grill in der Mitte des runden Gastraums - auf dem Foto meine Freunde Dascha und Alfred). Vorher gab es allerdings einen netten Weg am Waldrand und dann durch den frisch ergrünten Laubwald. Vorbei an einer verlassenen Waldarbeiterhütte - der einzigen "Siedlungsspur" - kamen wir schließlich an ein Schild, das uns den weiteren Weg versperren wollte. Unbeeindruckt ließen wir es hinter uns und fanden den Entschluss bald durch eine große Zahl von parkenden Autos bestätigt, hinter denen Leute beim Shashlyk saßen. Unweit dieser merkwürdigen "Ballung" bemerkten wir übermannsgroße blaue Kreuze am Wegrand. Ein Heldenwald? - dachte ich in meiner Naivität und hoffte wohl, direkt zu einem UPA- Bunker geleitet zu werden. Es war aber "nur" ein Kreuzweg, der zu einer vielleicht heiligen Quelle führte. Immerhin war sie nicht nur mit einem Kreuz geschmückt, wie hier allgemein üblich, sondern es fand sich eine Art Kapelle mit Marienstandbild, Votivgaben usw. Die Shashlykesser waren ganz offensichtlich auch nicht nur zu dem üblichen Vergnügen gekommen, sondern alle hatten Kanister dabei, um Wasser aus der Quelle abzufüllen. Danach dann unberührte Natur, so unberührt, das sich die Wege oft ins Nichts auflösten und wir endlich umkehren mussten, ohne eine Straße, ein Dorf oder nur einen breiteren Weg o.ä. erreicht zu haben. Ein schöner Tag.

Zu den weiteren Höhepunkten zählte ein Abstecher nach Buczacz, wo Potockis residierten. War im letzten Jahr zu Ostern schon einmal da, aber damals waren die Kirchen so voll, dass ich sie nicht bewundern konnte. Dafür hatte ich die Burgruine schon ausführlich fotografiert, die wir uns dieses Mal also sparten. Vom Schloss, oder eben der Burg, ist nur die Ruine auf dem Berg übrig. Von der Stadtseite her ist sie nicht mehr erreichbar, denn auf dem ehemaligen, an seiner Pflasterung noch gut zu erkennenden Kirchsteig der Burgherren baut nun ein Privatmann sein Haus mit dem historischen Material! Übertroffen wird das nur noch von den Leutchen, die im alten Akerman aus den Steinquadern der antiken Stadtmauern ihre Garagen bauen!

Sonst sind ein barockes Kloster und eine Pfarrkirche zu bewundern, deren sehenswertes Drumherum allerdings noch nicht restauriert ist. Auf dem bereits restaurierten Altar der letzteren sind Kopien der Arbeiten von Georg Pinsel zu bewundern, deren Originale in Lwiw im Pinsel- Museum stehen. Leider kommt man aber nicht in das Innere der Kirche, sondern wird durch ein Gitter ausgesperrt. Dafür kann man in die imposante Klosterkirche hineingehen. Hinter dem in Restauration befindlichen Kloster findet sich der alte polnische Friedhof mit Gruften von Angehörigen der Potockis. In Buczacz selbst gibt es außer dem Renaissace (?)- Rathaus, das einem einzigen hohen Turm gleicht, wenig bis nichts zu sehen. Der Essenversorgung etwaiger Touristen dient eine etwas desolate und zum Verkauf stehende Koliba am Stadtrand; für die Einheimischen muss eine Pizzeria als Restauration "gehobenen Niveaus" reichen. Zumindest fand sich im Stadtzentrum nichts anderes.

In Richtung Lviv (Lemberg) liegt abseits der Hauptstraßen und wie (fast) immer ohne Hinweis auf diesen Höhepunkt die Ruine von Schloss Swirsch, dem ehemaligen Sitz der Brüder Swirzynski. In fantastischer Umgebung und schön auf einer Anhöhe über einem See gelegen. schreit das wenigstens mit Mitteln der Denkmalschutzbehörde neu eingedeckte und im Ganzen noch in einem guten baulichen "Rohzustand" befindliche Renaissance- Schloss geradezu nach einem Investor, der dort Wander- und Reittourismus der Extra- Klasse (vor den Toren vom Lemberg- 30 km) anbieten könnte. Aber leider ist nix los und das von den Deutschen als Militärquartier, dann als Mechanisierungsfachschule und zuletzt noch als Erholungsheim der Sowjetgewerkschaften genutzte Gebäude verfällt langsam. Rings herum scheint auch nicht mehr viel los zu sein. Obwohl es doch einige Leute gab, die gleich mir hier heraus gekommen waren und die am Fuße des Schlosses Pcknick machten, hat es bei den Leuten im Dorf noch nicht einmal zu einem Kiosk gereicht. Oder fehlt selbst dafür ein "Investor"? Jedenfalls ist Swirsch nun mein Geheimtipp für künftige herbstliche Wanderungen!

Also nochmal: der "Bunker"...

Der "Bunker" ist ein hiesiger, einem UPA- Unterschlupf nachempfundener Bierkeller, der massiv für sich Werbung macht, aber eigentlich (gutes Zeichen?) nicht so recht angenommen zu sein scheint. Bisher fand ich ihn jedenfalls meist halb leer, wohingegen vergleichbare Keller wie "Boczka" (Fässchen) oder gar das beliebte "Desiatka" durchgängig gut besetzt sind und man ohne Voranmeldung eigentlich chancenlos ist, einen Platz zu bekommen. Dabei geht es im "Bunker" noch gemäßigt zu. In Lviv (Lemberg) soll es eine verschärfte Variante geben. Man wird dort am Eingang gefragt, ob man "Moskale" sei. Was passiert, wenn man das bejaht, weiß ich nicht, aber wenn man mit "Slawa Ukraina" (Ruhm der Ukraine) antwortet, gibt es wohl einen Begrüßungsschluck auf Kosten des Hauses. So jedenfalls geht die Fama. Das alles ist im "Bunker" nicht so, es findet sich nur der Hinweis, dass ehemalige UPA- Kämpfer Kaffee und Tee kostenlos erhalten. Im Eingangsbereich, gleich neben der Klotür, befindet sich die bereits erwähnte Großaufnahme eines Soldaten in einschlägiger Uniform (Bild oben). Andere Bilder gleicher Art hängen an den Wänden, die ansonsten mit Pistolen, Lageplänen und Slizzen von UPA- Bunkern, Stahlhelmen (witzigerweise denn doch einer sowjetrussischer Produktion!) und Ähnlichem dekoriert sind. Das Blut gefriert einem erst in den Adern, wenn man auf die Speisekarte (Bild links) sieht, wo die Gerichte romantische Namen wie (SS-) "Division Galizien" und "Bataillon Nachtigall" tragen. Immerhin sei zur Ehre (?) der Ukrainer gesagt, dass die meisten von ihnen von Geschichte keine Ahnung haben und sich Patriotismus, Nationalismus usw. im historisch fast "luftleeren" Raum der aktuellen Propaganda bewegen. Der Effekt mag dem der sozialistischen Agitation früherer Zeiten nicht unähnlich sein- man plappert nach und verbindet wenig bis nichts damit! So wird den Leuten gerade eingebleut, dass Stepan Bandera ihr "Held" (Bild links) sei. Die Bandera- Memorial- Stätten und Riesen- Denkmäler sprießen denn auch aus dem Boden wie Pilze nach einem warmen Herbstregen! Offensichtlich leiten viele Menschen im Kurzschluss daraus ab, dass seine Zusammenarbeit mit den Deutschen wohl ok gewesen sein muss. Der Sache Banderas noch nachträglich den Sieg wünschend, werden dann Deutsche in allen Uniformen (und besonders die in der abgebildeten!) akzeptabel. Dass Bandera genau von diesen Deutschen ins KZ gesteckt wurde, weil Hitler nichts weniger wollte als eine unabhängige Ukraine, wie sie Bandera vorschwebte, wer weiß das schon? Hier Kurz- da Umkehrschluss: Wenn Faschisten gut sind, muss man Antifaschisten eben aufhängen (Bild unten). Doch soll das nicht allen Leuten hier angelastet werden. Die meisten interessiert es schlicht nicht, womit aber gesagt ist, dass Widerstand dagegen kaum sichtbar wird. Wie dem auch sei, die (Sowjet-) Russen gelten meist als das verglichen mit den Deutschen größere Übel und wenn außer dem Bandera- Kult sonst an Geschichte erinnert wird, dann meist an den "Holodomor", jene tragischerweise auf Stalins Befehl hin herbei geführte Hungersnot, deren Zwangscharakter in der beabsichtigten schlagartigen Verstädterung (Industrialisierung) begründet lag und die gleichzeitig den Widerstand der ukrainisch- bäuerlichen Bevölkerung gegen die Kollektivierung und überhaupt gegen die erzwungene "sozialistische Umgestaltung" brechen sollte. (Von den nach neuere Schätzungen mehreren Millionen Toten weiß nun wiederum in Westeuropa kaum jemand!) Insofern die Bezeichnung "Holo- domor" allerdings eine Analogiebildung zu "Holo- caust" ist, erscheint bereits in der Wortbildung der erwünschte Nebeneffekt einer Gleichstellung mit dem jüdischen Genozid und eine Verschleierung der Tatsache, dass beispielsweise jenes hier einer Speise den Namen gebende "Bataillon Nachtigall" in Babyn Jar binnen weniger Tage den größten Teil der jüdischen Bevölkerung Kiews liquidieren konnte, was ohne aktive Mithilfe der Bevölkerung unmöglich gewesen wäre. Freilich ist das kaum bekannt und wird in der Schule so wenig gelehrt wie die Judenverfolgungen unter Chmelnitzki, der ja als Staatsgründer verehrt wird. Nun, sei es wie es sei, zumindest dem Wissenden möge der Bissen im Halse stecken bleiben, wenn er es über sich bringt, diese Speise anzurühren!