Reisebilder aus der Ukraine, der Slowakei, Rumänien und Osteuropa. Reflexionen zum Alltag, Reiseberichte, Kurioses und Interessantes vom Zusammenleben der Völker, Privates für Freunde und Bekannte...

Samstag, 22. Mai 2010

Radtour mit Juri

Ob es nun der 10. 05. war oder ein anderer Tag ist unwichtig: Es war der letzte bis 17.00 Uhr noch schöne Tag VOR DEM GROSSEN REGEN, der uns seitdem in Atem hält. Juri hatte sich die Tour zum Dnistr vorgenommen und mich eingeladen. Nun wollte er das auch durchziehen, obwohl uns die dunklen Wolken ständig beunruhigten. Wir radelten gegen 11.00 Uhr los und waren wohl um 17.00 Uhr wieder da. Trocken. Erst auf dem Weg nach Hause erwischte mich dann der erste Guss! Etwas mehr als 50 km legten wir auf abgelegenen Straßen zurück. Am Ziel angekommen präsentierte sich der Dnistr gemächlich und majestätisch in flacher Landschaft voller Kühe und Ziegen. Im Sommer sicher ein lohnendes Ziel, um an einem Fluss zu sitzen, zu grillen, sich zu sonnen.

Auch hier Abschnitte der "Straße", die nurmehr ein Kieselbett oder so etwas sind. Aber doch lohnt sich der Weg, denn die sanft geschwungene Landschaft ist schön und Juri weiß viel zu erzählen von Kunstschneepisten, die in den 90er Jahren hier die Business- Idee waren, usw. Man sieht nichts mehr davon- Gott sei Dank!

Am Ende der Fahrt öffnet sich von einem Hügel aus, der mir stadtseitig nie so richtig ins Auge gefallen war, ein atemberaubender Blick auf die hinter der Flussbiegung in der Ebene liegende Stadt. Wirklich schön! Mit dem Auto wäre es eine Tortur gewesen, aber mit dem Rad sieht die Welt anders aus. Ich werde so oft es geht die Chance nutzen, mit Juri oder mit Taras Ziele in der Umgebung zu "erradeln". Apropos: Elena war natürlich auch mit und hat sich tapfer geschlagen. Die Mlinzi danach in ihrer Küche haben auch geschmeckt! Danke!

Umgebung von Ivano- Frankivsk

Irgendwann war ich aus Deutschland wieder da und kam mit meinen "legalisierten" Dokumenten gerade noch rechtzeitig. Donnerstags sind nur zwei Stunden und für Drohobych (meine zweite Schule) war schon alles fertig. So bin ich ein wenig in die Gegend gefahren. Zuerst nach Gorodenka, wo es eine schöne und wenigstens von außen restaurierte Stadtpfarrkirche und ein barockes (allerdings sehr zerstörtes) Klosterensemble gibt. Von der Altstadt ist nicht mehr viel zu sehen, allerdings verraten die Straßenzüge doch den Zuschnitt des Städtchens. Immerhin steht die Synagoge noch. Welchem Zufall verdankt sie wohl ihr überleben? Mitten in der Stadt steht sie leer und stumm und zeugt von Abwesenheit. Kaum anders als die überall sich findenden jüdischen Friedhöfe: sich selbst und dem Verfall überlassen.

Von Gorodenka Richtung Ternopil, dem alten polnischen Tarnopol, quert man den Dnistr , der sich tief in die hügelige Landschaft eingegraben hat, auf dieser imposanten Brücke. Ich wollte dem Flusslauf bis Soloty Potik folgen, das ich mir romantisierend mit "Goldener Topf" (Pott- nicht wahr?) übersetzt hatte, das aber in Wahrheit "Goldenes Bächlein" heißt und in einer der gewaltigen Schleifen liegt, die der Dnistr hier um größere Erhebungen zieht. Dort sollte es eine Burg geben und es gab auch eine. Allerdings waren die gelb in die Karte eingetragenen "Landstraßen" zeitweise nur Feld- und Waldwege und ich war zeitweise nicht sicher, ob ich mein Ziel erreichen würde. Abseits der Straße gewahrte ich eine Kirche, die mir so deutsch vorkam, als einem eine Kirche nur deutsch vorkommen kann. Ja, hier sei ein Gut gewesen, erklärten mir die freundlichen Männer, die sich an einem urzeitlich aussehenden Schlepper zu schaffen machten, den in ein paar Tagen wieder in Gang zu setzen, sie sich in den Kopf gesetzt hatten, und dieses Gut hätte ein pensionierter österreichischer Offizier am Ende des 18. Jahrhunderts errichtet. Nur die Kirche sei noch übrig. Den Rest hätte man abgetragen, um eine Schule für Agronomen zu errichten, die nun auch längst verfallen sei. Wohl wahr.

Ich erreichte Zoloty Potik dann doch noch und fand die Ruinen einer Burg, die - der Länge ihrer Ringmauer nach - einst mächtig und ausgedehnt gewesen sein muss. Erhalten ist nur noch die Außenhaut. Das Hauptgebäude im Innern, offensichtlich später als die Mauern errichtet und vielleicht einmal palastartig, besteht nur noch aus der dachlosen Hülle. In den Torgebäuden und einem der drei noch erhaltenen Wehrtürme hatte sich wohl die Kolchosverwaltung einquartiert. Hofgebäude sind zu Garagen umgebaut worden. Der Rest - wie gesagt - verfallen. Es ist immer wieder eine Überlegung wert, warum sich trotz schulischer Bildung niemand, und sei es auch nur aus ästhetischen Gründen, der einzig sehenswerten Gebäude in diesen abgelegenen Provinznestern angenommen hat. Besitz der polnischen Feudalen, nun ja, aber doch auch Bauleistung ihrer Vorfahren! Und - als was auch immer man es ansah und ansieht - es ist doch das einzige Schmuckstück im Ort! Aber es sieht nicht so aus, als ob sich jemand Gedanken macht. Vom Wirken einer Denkmalsschutzbehörde ist ebenfalls nichts zu sehen. Schade drum.

Am Wegrand dann noch die eine oder andere alte Kirche, ein paar verfallene Kapellen, offensichtlich ehemals katholische, also den "anderen" Christen nichts Wert, die neben die Schandflecken regelmäßig ihre eigenen, gepflegten Kapellen stellen. Verstehe einer die Menschen, die wohl auch noch zwischen einem ukrainischen und einem polnischen Gott unterscheiden! Endlich erreichte ich den Fluss, über den eine holzbelegte Eisenbrücke führte, die auch schon bessere Zeiten erlebt hat. Man fragt sich wirklich, ob diese Landstriche, erreichbar nur über wackelige Brücken oder bei Regen unpassierbare Landwege, von der Zentralregierung überhaupt noch wahrgenommen werde. Auf mich machten sie einen abgeschriebenen Eindruck. Seit ich das erste Mal vielleicht 2004 in die verlassenen westukrainischen Gegenden gereist bin, in denen die Wisnowieckis und Potockis ihre Stammsitze hatte, ist wenig bis gar nichts passiert. Seit 6 Jahren also Stagnation auf unterstem Niveau, obwohl hier und da ein paar neue Häuser hinzugekommen sein mögen. Hoffnung?

Freitag, 21. Mai 2010

Der 8. Mai in Rot- Schwarz

Von dem neuen Rechts- Nationalismus in der (West)Ukraine war an dieser Stelle schon des Öfteren die Rede. Hier ein erneutes Beispiel für den Kampf um die Deutungshoheit der jüngst vergangenen Sowjetgeschichte. Während im ganzen Land die Feiern zum 09. Mai vorbereitet wurden und wetterwendige - weil um ihren Job fürchtende - Politiker auch brav dem neuen Kurs folgend zur Kranzniederlegung ans sowjetische Ehrenmahl schritten, riefen Andere zur Gegendemonstration in den galizischen Farben schwarz- rot auf. (Wer nicht genau erkennen kann, wer da vor dem stolzen Wappentier in wohl bekannter Ikonografie Wache hält, der muss halt mal drauf klicken.) In den Dörfern rund um Ivano fanden denn auch demonstrative Prozessionen zu den Monumenten der Helden des nationalen Widerstandes (und der Kollaboration) statt....

Wie sagte doch der neue Bildungsminister der Ukraine? "Unsere (die in der Ostukraine verehrten- F.S.) Helden sind in ihren (der Westukrainer - F.S.) Augen Verbrecher, ihre Helden in unseren Nazi- Kollaborateure und Terroristen." Der Mann mag sogar was Richtiges beobachtet haben, bloß so wird kaum zusammenwachsen, was zusammen gehört...

Nachträge

Ende April in Berlin Anka besucht. Die wollte zur Kirschblüte in den Japanischen Garten - einem Teil der Parkanlage "Gärten der Welt". Als ich vor ein paar Tagen die Meldung fand, dass dieser Park den begehrtesten britischen Preis für besondere Parkanlagen erhalten hat, konnte ich nur zustimmend nicken. Das ist schon eine tolle Sache mitten in dem ansonsten doch recht trostlosen Häusermeer von Marzan.

"Gärten der Welt" bedeutet, dass ein Chinesischer, ein Japanischer, ein Balinesischer (im Gewächshaus!), ein Barockgarten usw. in ein Parkensemble integriert wurden. Das hat schon was. Verschiedene Sponsoren meist der genannten Länder haben dafür gesorgt, dass nicht nur billige Kopien errichtet, sondern nach originalen Vorbildern gestaltet wurde. Höhepunkte sicher der Japanische und der Chinesische Garten, aber auch die Thailänder haben mir gut gefallen. Aufwändig der Balinesische Garten, der als gestaltete Wohnanlage in einem Gewächshaus tropisches Klima erlebbar macht. Ohnehin sind die Gärten immer mit Wohnanlagen kombiniert. So auch der orientalische Garten, der als Innenbereich eines Palastkomplexes vorgestellt wird und mich an Bachschisserai auf der Krim erinnert hat.

Kirschblüte hatten wir natürlich auch ein bisschen, wenn auch das traditionelle Kirschblütenfest, das auch in Berlin gefeiert wurde, schon vorbei war. Allerdings passen so viele Bilder hier nicht her!

Witzig fand ich die wie Schattenrisse wirkenden Männer, die überdimensional auf einem Hochhausdach zu balancieren scheinen und die man von vielen Punkten des Parks aus sehen konnte. Ein gelungener Versuch, dem Wohngebiet einen Höhepunkt zu verleihen. Ein schöner Tag!

Dienstag, 18. Mai 2010

Farbenspiele

Zwischendurch war ich in Leipzig und Berlin, weil neue Gesetzeslagen im 8. Jahr meiner Existenz in der Ukraine eine "Legalisierung" meiner Zeugnisse erforderten. Sonst keine Verlängerung meines Arbeitsvertrages. Wie soll man sich das vorstellen? Nun, man beantragt beim Uni- Archiv ein beglaubigtes Original seines Zeugnisses und geht damit zum Landesregierungspräsidium, wo man das beglaubigte Zeugnis "überbeglaubigen" lässt. Dann muss das alles zum Übersetzer, natürlich einem vereidigten, der das beglaubigt übersetzen kann. Hat man das alles zusammen, geht es ab nach Berlin, wo im Konsulat eine Express- Legalisierung drei Tage dauert. Dank meiner Akkreditierung in diesem Land ging es an einem. Kostenpunkt das Ganze: 310,- Euro Gebühren.

Der Aufwand also ist der schwarze, die - doch man muss es einmal sagen - Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Behörden die weiße Seite der Geschichte. Vielleicht ähnlich dem hier abgebildeten Neubau des Uni- Hauptgebäudes mit der Anspielung an die Pauliner- Kirche? So überflüssig wie der (tiefschwarz gefärbte) Streit um den Wiederaufbau der Kirche ist, so gelungen das historische Zitat in der neuen Hülle (weißer Lichtblick!). Mag sein, dass so eben das Leben ist...

Mittwoch, 14. April 2010

Andruchowych

War auf Einladung von Ira mit ihr in einem Konzert von Juri Andruchowych, der seine Gedichte zur Musik einer polnischen Gruppe sprach, sang und sprachsang - falls es dieses Wort gibt. Verstanden habe ich nichts und Ira konnte kaum helfen, denn auch ihr fiel es bisweilen schwer, hinter den Sinn des Vorgetragenen zu kommen, was allerdings bei (vermutlich) moderner Lyrik nicht eben verwunderlich ist. Den positiven Gesamteindruck konnte das alles aber nicht stören. Die Musik war gut. Andruchowych selbst hat eine erstaunlich kräftige Stimme und sein Vortrag ähnelte dem eines (Hard)Rockpoeten. Innerhalb des typischerweise harmlosen Mottos des Festivals, in dessen Rahmen das Konzert stattfand - "Liebe, Harmonie und Vorkarpatenfrühling" - fielen seine böse klingenden, bisweilen disharmonisch vorgetragenen Rhythmen absolut aus dem Rahmen. Wer so klingt muss sein Land bis zur Verzweiflung lieben - und seine Sprache! Die war hörbar durchgeformt und klang gut. Mir schien jedenfalls, dass hier "Liebe" durchaus im Spiel war- die zornige Liebe, mit der ein Vater seine missratenen Kinder schilt. Vielleicht schien es mir nur so und in Wahrheit war alles ganz anders. Aber was ist schon "Wahrheit" in der Kunst anderes als das, was der Hörer/ Leser dafür hält? Andruchowych möge mir die Unkenntnis seiner Sprache verzeihen und mir zugute halten, dass ich den Abend trotz allem genossen habe!

Dienstag, 13. April 2010

Jugend debattiert in Drohobych

Jugend debattiert in Drohobych! Es hat also geklappt. Wir haben im Unterricht geübt, wie man so was macht, und ich hatte immer das Gefühl, es macht den Schülern Spaß, sich auf Deutsch auszuprobieren. Jedenfalls fanden wir mühelos acht Kandidaten, die sich auf unser Schulfinale vorbereiten wollten. Und wie sie das gemacht haben! Super! Dank auch an Halina Dzura, meine liebe Kollegin, die mit den kids gearbeitet hat. Alle Acht konnten sich absolut qualifiziert mit Zahlen und Fakten zu den Themen "Soll die Hochschulausbildung in der Ukraine kostenlos sein?" bzw. "Sollte eine nationale Agentur zur Kontrolle der Medien gegründet werden?" äußern. Es fiel wirklich schwer, die zwei Besten zu bestimmen, die dann die Schule beim Schulverbundswettbewerb in Lviv vertreten werden. Einziger Wermutstropfen aus meiner, des "Westlers" (der ich hier bin) Sicht: Die Medienzensur wurde von allen Debattenteilnehmern befürwortet, weil es nicht anginge, dass Leute einfach so staatsgefährdende Meinungen, womöglich eine Revolution, verbreiten und vorbereiten könnten. Nun ja...

Aber sonst: Der Raum war toll gestaltet, Bildungsverwaltung und Schulleitung waren erschienen, neben den Klassenkameraden der 10. war die DSD- Gruppe erschienen und so wurde es eine rundum gelungene Veranstaltung. Geradezu unglaublich für mich: Anwesend war auch der Ethik- Philosophie- Lehrer, der beauftragt ist, diese Form des Wettkampfs auf Ukrainisch mit Schülern einzuüben und das auf einer Versammlung von Direktoren der Region als moderne Form der Unterrichtsarbeit zu präsentieren. So direkt haben unsere Bemühungen, "frischen Wind" in das ukrainische Unterrichtssystem zu bringen, wohl selten an einer Schule sich ausgewirkt. Bin ich ein bisschen stolz? Ja, warum nicht? Es wäre so nicht geworden, wenn nicht geklappt hätte, was ich initiiert habe und was die ukrainischen Kolleginnen so dankbar aufgenommen haben. Gut gemacht! ;-)