Reisebilder aus der Ukraine, der Slowakei, Rumänien und Osteuropa. Reflexionen zum Alltag, Reiseberichte, Kurioses und Interessantes vom Zusammenleben der Völker, Privates für Freunde und Bekannte...

Dienstag, 22. September 2015

Vyshka

Natürlich hielt es mich nicht lange in Leipzig. Aus Wismar holte ich meines Vaters Rad und brachte es zum Sohnemann nach Berlin. Dort traf ich Agnieszka und Micha. Mehr Zeit war leider nicht, denn ich musste meine Töchter vom Flugplatz abholen. Sie kamen aus Seoul und wollten zwei oder drei Tage in Leipzig verbringen. Auf diese Weise lernten Juri und Elena die ganze Familie kennen, als sie uns besuchten. Im Gegenzug wissen wir nun, dass Ira nicht nur einen lieben Mann, sondern auch nette Schwiegereltern hat. Sie heiratete Ende August und deswegen waren meine ukrainischen Freunde alle (auch bei uns) zu Besuch. Ein Glück, dass Anka da war. Sie managte alles professionell und es gab auch in unserem Haushalt Kuchen und ein frugales Abendmahl. Ich denke, das hat allen gefallen. ;-)

Bereits vorher war vereinbart worden. dass ich Juri und Elena über Kosice nach Ivano- Frankivsk fahre. Und so geschah es am 27. 08. 2015. Ich holte die beiden aus Dresden ab, wo sie in der WG von Iras Mann Paul die ganze Nacht Abschied gefeiert hatten. Entsprechend kurz war unser Abend nach der langen Fahrt. ;-) In Ivano- Frankivsk überließ ich die beiden ihren Pflichten und vertrieb mir allein den Abend. Anderntags traf ich Ivan, den ich auch schon Jahre nicht gesehen hatte, dessen Abschiedsgeschenk - ein selbst gemaltes Bild mit rotem Klatschmohn  - aber immer noch über meinem Küchentisch hängt. ;-) Der junge Mann studiert Medizin und möchte später über Tschechien nach Deutschland. Viel Glück! Abends dann Abschied in Juris "privat- kolyba". Es gab wie immer leckeres Shashlyk und dieses Mal war ein Freund von Konovalovs dabei, der als Kunstschmied seine Brötchen verdient. Interessant, was er so erzählte. Er hat in Tschechien sein Handwerk erlernt und arbeitet nun vor allem für reiche Leute und deren "Bedürfnisse"...

Pünktlich zum 01. 09. war ich dann wieder in Kosice, wo mich aber niemand haben wollte. Nach dem Tag der Verfassung wollte noch keiner so richtig loslegen und so wurden Bücher verteilt, ein paar Eröffnungsveranstaltungen durchgeführt usw. Ich hatte also noch frei und konnte noch einmal einem kurzfristigen Ruf in die UA folgen. Vyshka ist wirklich ein netter Fleck in den ukrainischen Beskiden (Nationalpark). Die traditionelle Holzbauweise (Bild oben) lebt in der Architektur aller folgenden Zeitschichten weiter. (Bild zwei) Auch die Hotels der Gegend - alle leben von einem einzigen Skilift, der zu einem "Idiotenhang" gehört ;-) - folgen diesem Trend. Sehr schön anheimelnd und doch mordern. (Bild unten) Dabei ist die Gegend herrlich. Wenn man Zeit hätte, könnte man wohl gut dort wandern. Die Berge sind nicht zu hoch und die Anstiege nicht steil. Es dominiert Laubwald. (Vorletztes Bild) Unser Hotel hatte noch eine besondere Attraktion zu bieten: Auf einer Freifläche standen unter Plastikdächern originelle Modelle von Sehenswürdigkeiten der Ukraine, (Bild Mitte) Leider war diese schöne Zeit viel zu schnell zu Ende. Aber die Veranstaltung hat Nachfolger und für eine davon bin ich nun schon regulär wieder "gebucht". Das wird dann aber in Ivano oder Lviv sein.  





Montag, 21. September 2015

Braunkohlegebiete um Leipzig

Mitte August ging auch die Zeit in Wismar zu Ende und wir kehrten nach Leipzig zurück. Ich kaufte mir ein neues Fahrrad, um weiter die Kosicer Berge unsicher machen zu können. ;-) Zunächst konnte ich das Rad aber nur im Flachland rund um Leipzig ausprobieren. Was für eine Überraschung! Mit dem Rad immer am Kanal entlang entdeckte ich meine Wahlheimatstadt von einer ganz anderen Seite. Sportlich gesehen ist es allerdings müßig über die Tour zu reden: Andere Radfahrer, Muttis mit Kinderwagen, Hunde, Jogger...- was sich da alles rumtreibt! Man kommt einfach nicht vorwärts. Ein bisschen besser sieht es aus, wenn man die andere Richtung nach Halle zu wählt. Auch dort war ich noch nie und mich überraschten die Seen, die aus den Braunkohlerestlöchern entstanden. Dort kann man gut baden. Bis Halle war ich nicht, aber demnächst schaffe ich das: Ganz meine Entfernung! ;-) Schöner ist die Landschaft allerdings in Richtung Delitzsch- Bitterfeld. Die alten Straßen für die Kohletransporte sind nun Radwege und so kann man mitten ins neue Seenland und darin herum fahren. Neben "kultivierten" Badeseen (Bild unten) gibt es viele Restlöcher, in denen abgestorbene Bäume und allerhand Sumpfpflanzenzeugs neue Biotope geschaffen haben. Man kann dort Vögel beobachten und anderes Getier sehen- so steht es jedenfalls auf den Tafeln an den Fernrohren, die zur öffentlichen Nutzung aufgestellt sind. Mal etwas, das an Deutschland zu kritisieren mir gar nicht einfällt. Wir haben ein schönes Land. Wir sollten (noch) mehr daraus machen!

Klassentreffen

Seit Wochen  posteten Gunnar und Bodo bei fb Zeichen ihres Erfreutseins, dass unser vereinbartes Treffen (nach 40 Jahren das erste Mal wieder) näher rückt. Am 08. 08. war es dann so weit. Wir hatten den Urlaub in Wismar ausklingen lassen und ich kam nach einem Besuch bei ehemaligen Kollegen aus der Polenzeit (Rudi und Sabine- Templin) abends gerade noch zur vereinbarten Zeit. Bodo (Bild Mitte) und seine Lebenspartnerin hatten sich wirklich Mühe gegeben und alles aufgefahren, was das Herz begehrt. Danke noch einmal!

Anfangs befremdete mich das Gefühl, diese Menschen dort gar nicht mehr zu kennen. Aber das gab sich bald. Mehr als 10 Jahre Kindergarten und Schule sind doch nicht einfach wegzuwischen. Zuerst fand ich bei "Knobi" (Bild unten) die vertrauten Gesichtszüge und auch den Habitus wieder. Ein bisschen ironischer kam er daher; vom Leben gebeutelt, wie man so sagt. Vom Leben eher geküsst stellte sich Olaf vor. (Bild oben) Er "macht in Abfall" und verdient sein offensichtlich gutes Geld als Chemiker in der Abfallwirtschaft. In seinem Gesicht fand ich den alten Kumpel bis zum Schluss nicht wirklich wieder. Nur die "große Klappe" war die von früher und damit war alles klar.

Bodo war früher unser "Problemfall" in der Schule. Er hat seinen Weg gemacht und schwärmte immer noch von der DDR- Zeit. Als Schweißer auf der Werft hatte er sein Geld und vor allem wohl auch sein Ansehen. Die eigene Wertschätzung bekam dann in der Auffanggesellschaft nach Abwicklung der Werft einen Knick, den er bis heute nicht verwunden hat. Nun arbeitet er als Brotausfahrer einer Bäckerei und beklagt, dass der müde Körper die Gewichte nicht mehr wie früher stemmen will. Aber es gibt keine Alternative. Wir haben's bei ukrainischem Vodka, ordentlichem Korn und irgendwas Braunem runtergeschluckt. Ja, den körperlich Arbeitenden geht es nicht gut im Land. Warum eigentlich nicht?   


Bydgoszcz und Grudziaz

Anfang August trafen wir dann wie verabredet in Grudziaz ein, wo wir Wiesia besuchen und auf ihre Tochter aufpassen wollten. Die junge Mutter hatte eine Führung durch ihre Heimatstadt angenommen und der Kindesvater war auf Klettertour. Alles ging gut und wir bewährten uns trotz Mangel an Erfahrung als Ersatz- Oma bzw. Ersatz- Opa! ;-) In Anlehnung an eine populäre Reklame könnte man sagen: "Mutti, Mutti, wir haben gar nicht geweint!" Zur Belohnung durften wir dann mit nach Bydgoszcz und ich musste nicht mal fahren. Wie lange waren wir nicht im alten Bromberg gewesen? Auch hier hat sich allerhand getan. Die alten Speicher sind schön restauriert und machen was her. (Bild oben) Überhaupt lebt das Stadtbild vom Wasserlauf. Dort ist es am schönsten geworden. (Bild zwei) Auf den Wiesen und Spielplätzen am Museum tobte das Leben und bei 36 Grad war Volksfeststimmung. Insgesamt aber wird die Stadt keine Perle Polens mehr werden. Die Zerstörungen am Ende des Krieges lassen sich nicht mehr flicken.

Ganz anders Grudziaz, das wir aus den 90er Jahren nur grau und ziemlich fürchterlich in Erinnerung hatten. Die alte Kreis- und Militärstadt Graudenz hat gerade zur Weichselseite hin viel historische Substanz, die nach und nach restauriert wird. (Bild drei) Mir schien, es könnte schneller gehen, wenn man ein Konzept für die großen, stabilen, deshalb aber auch dunklen Speicher hätte. Aber mit diesem Problem ist die polnische Stadt nicht allein. Ganz neu ist der rekonstruierte Bergfried der Ordensburg auf einer Anhöhe über der Stadt. (Bild vier) Vor zwei Jahren hatte ich gerade die ersten Erschließungsarbeiten an der Ruine besichtigen können. Heute erhebt sich dort ein kleines Museumsgelände mit eben jenem Turm als Aussichtsplattform.

Der Ausblick über den mittelalterlichen Stadtkern und die angrenzenden Militärgelände und -gebäude aus dem 19. Jahrhundert ist berauschend. (Bild unten) Die majestätisch dahin fließende Weichsel tut ein Übriges, den Anblick zu mögen. Und nicht zuletzt mögen wir die Menschen, die wiederzusehen uns gefreut hat. Schade, dass wir zwei Tage später weiterziehen mussten. Aber noch warteten Dorota und Zbysek auf uns. Während unserer Zeit in Wloclawek/ Plock (und später noch) waren wir oft bei ihnen zu Gast. Auch dieses Mal verbrachten wir einen schönen Tag auf der Dzialka in der Nähe von Gostynin. Schade, dass man nicht öfter einfach übers Land zu Freunden fahren kann. Und doch: Man kann! Wie anders wäre das zu Zeiten der Pferdewagen und Sandstraßen gewesen.. ;-)




Mikolaiki

Nein, wir haben  Sulaiken nicht gefunden, fühlten uns in Mikolaiki dennoch wohl. ;-) Von Klaipeda aus muss man ja das Kaliningrader Gebiet weiträumig umfahren und so bedurfte es eines Nachtquartiers. Wir wählten das Zentrum des masurischen Tourismus, um zu sehen, wie es geworden ist und ob man es dort aushält. Es gibt wirklich Massen von polnischen Inlandstouristen und Boote und Yachten die Menge. (Bild oben) Irgendwie verlief es sich dennoch. Auf jeden Fall gibt es genügend Kneipen und abendliche Programme, so dass man nicht nur drängeln muss. Unser Restaurant (italienisch) war hervorragend- hier aß ich das schärfste Essen meines Lebens (und ich habe wahrlich schon an vielen Orten scharf gegessen!). Fast hätte ICH gestreikt! Aber dann schaffte ich es doch noch gerade so... ;-)

Das Land ist und bleibt wunderschön und es finden sich immer noch ruhige Ecken, obwohl die Infrastruktur seit den 90er Jahren gut ausgebaut wurde und sich merklich verbessert hat. Nach Olsztyn führt sogar eine Quasi- Autobahn. Wir kamen also schnell vorwärts. In Ostroda trafen wir Grazyna mit Familie. Die waren gerade in ein geräumiges Haus umgezogen und saßen de facto noch auf halb ausgepackten Koffern. Trozdem war's schön. Der Älteste probt fleißig für die Teilnahme an den Ritterspielen u.a. am jährlichen Grunwald- Event. Stolz zeigte er uns seine Kluft eines deutschen (!) Knappen. Ja, alles ändert sich...


Klaipeda und die Geschichte


Der Abschied von Tallin war nicht so leicht. Vor uns lag eine ellenlange Fahrt durch ödes langweiliges Land. Obwohl wir die Straße entlang der See wählten, war diese nicht zu sehen. Ab und an zeigten Camping- Plätze und Hotels die Nähe des Meeres an. Wir stiegen aber des Regens wegen nicht aus. In Klaipeda nächtigten wir in einem Hotel mit armenischem Restaurant. Lecker, lecker... ;-) Da konnten wir auf einen abendlichen Stadtgang leicht verzichten.

Anderntags gingen wir aber auf Erkundung und fanden schon in "unserer Straße" die Deutsche (Reichs)Post in Form der üblichen backsteinroten neugotischen Fassade. Auch sonst hätten die Stadtvillen der Gegend in jeder deutschen Kleinstadt stehen können. Dann ging es durch einen schönen Park zur Brücke über den Kanal. Hier lag ein (touristisch) aufgetakeltes Segelschiff als Restaurantschiff vor Anker. Die Altstadt, das alte Memel also, zeigt überall den Verlauf der alten Straßen und Höfe, obwohl viele der Gebäude nach 1945 errichtet wurden. Immerhin gab es damals einen Stadtarchitekten, der wusste, was er tut. Die Häuser kommen nicht historisierend daher, sind aber in der Traufhöhe den wenigen stehen gebliebenen Altstadthäusern und eben dem Straßenverlauf angepasst. Was noch steht, wird liebevoll restauriert. (Bild oben) Können "Chrustchowkas" (die typischen grauen und schmucklosen Wohnklötze der Nach- Stalin- Ära) eine anheimelnde Atmosphäre verbreiten? Zusammen mit den historischen Resten können sie es! (vgl. Bild vier) Nicht wirklich schön hat die Stadt doch "etwas". Und sei es nur die Statue des "Ännchen von Tharau". ;-)

Wir umwanderten die flächenmäßig kleine Altstadt und staunten nicht schlecht, als wir überall auf gut erhaltene und gepflegte Reste der alten Sternschanzen trafen. (Bild zwei) Das hatte ich so noch nirgends gesehen! Besonders beeindruckend ist das alte Militärbauwerk am alten Hafen. (Bild drei) Überhaupt der Hafen! Ich fühlte mich ein bisschen an Wismar erinnert und auf jeden Fall wohl. Eine Attraktion gab es auch: Ziemlich am Ende des alten Beckens lag zur Besichtigung frei gegeben die Nao Victoria, ein Nachbau des ersten Schiffes, das die Welt umsegelt. (Bild vier) Wow! Das ist wirklich eine Nussschale! Verglichen mit dem in Wismar liegenden Nachbau der Poeler Kogge sind hier die Planken eleganter geschwungen und besser geschiffen. Aber alles wirkt gerade deshalb noch geschrumpfter, kleiner, zierlicher. Wo hatten diese Menschen bloß die nötigen Vorräte an Wasser und Lebensmittel? Sieht man dieses Schiff, versteht man besser, wie es zu Meutereien kam und wie man einen "Koller" kriegen kann! 

Alles ungetrübt? Naja, manchmal kann man über die Blüten des Nationalismus auch lachen. An dem etwas merkwürdigen Denke- Mal im Bild unten symbolisiert der Pfeiler links  außen den festen Halt, den die Nation an ihrem Stammland hat. Die stützende "zierliche" Säule soll das Memelland sein, dessen litauische Originalität man bestreiten kann, aber nicht muss. Das abgebrochene Stück meint nun das königsberger Land, über dessen Zugehörigkeit zu Litauen (in welcher Epoche auch immer) doch arg zu streiten wäre. Die Lehensuntertänigkeit des Deutschen Ordens ist nicht umsonst in Krakow und nicht in Vilnius besiegelt worden und es war dann auch ein polnisches Lehen. Wenn man das über die "Union" der eigenen Geschichte zuschlägt, muss man sich
auch sonst zur gemeinsamen polnisch- litauischen Geschichte bekennen, denn so selektiv lässt sich die eigene "Nation" nun doch nicht aus dem Körper ost- europäischer Geschichte herauslösen. Grins. Schon gar nicht, wenn man solche Konstruktionen wie die der "Kulturnation" heranzieht. Das kann man an Memel alias Klaipeda gut beobachten. Und dennoch: Alle Bemühungen um Wiederherstellung des alten Stadtbildes sind nur zu begrüßen. 





Samstag, 19. September 2015

Hansestadt Tallin

Wir wohnten in Tallin in unmittelbarer Nähe zum Zentrum, fanden aber das "bayrische Ambiente" nicht ganz angemessen. Ich hatte glatt übersehen wie das Hotel hieß. Warum ist es immer die Hauptstadt Bayerns, warum sind es immer "Oktoberfest" und "Paulaner", die "Deutschland" sogar dann noch repräsentieren, wenn man als Stadtkommune jahrhundertealte Beziehungen z.B. zu Hamburg und anderen deutschen Hansestädten hat? Und welch stolze Tradition! Die beinahe vollständig erhaltenen Stadtmauern (Bild oben) künden von Reichtum und Macht einer Stadt, die wenigstens im Souvenirladen u.a. auch an meine kleine Heimatstadt, die Hansestadt Wismar, erinnert. (Bild zwei zeigt das Wismarer Wappen!) ;-)

Anders als in Riga stellte sich in Tallin allerdings kein "Heimatgefühl" ein. Das liegt am fast vollständigen Fehlen von Elementen der Backsteingotik. Die Stadt ist - bis auf die Dächer - nicht rot, sondern muschelkalk- weiß. Das sieht man sehr schön an einem der ältesten der bedeutenden Baudenkmäler des Zentrums, dem Hanse- Haus. (Bild drei) Außen wie innen ist es historisch gestaltet und sogar draußen sitzt man abends noch ganz stilecht unter brennenden Fackeln. Uns war es aber etwas zu touristisch (und wohl auch zu teuer), so dass wir unter dem offenen Feuer nicht Platz nahmen. Stattdessen fanden wir ein nettes russisches Restaurant, das neben dem preiswerten und schmackhaften Essen einen unendlich schönen Blick auf eine oft menschenleere Gasse direkt hinter der Stadtmauer zu bieten hatte.

Aber Tallin bietet nicht nur eine perfekt erhaltene und gut restaurierte Altstadt mit deutsch- baltischen Elementen, sondern auch viele Monumente der russischen Zeit. Neben einigen russischen Kirchen ist der Schloss- und Parkkomplex sehenswert, der auf Peter I. zurückgeht. (Bild vier) Wir wollten aber das Meer sehen, das man etwas außerhalb der Stadt am besten genießen kann. Man sieht nicht nur die Silhouette der Stadt (Bild fünf), sondern staunt auch über die große Zahl moderner Fähren, die bald im 15- Minuten- Takt den Hafen ansteuern oder verlassen und die einen großen Bogen steuern, um das offene Fahrwasser zu erreichen.

Sollten wir nach Narva fahren? Wir entschieden uns, lieber diese herrliche Stadt noch einmal zu genießen und bleiben auch am zweiten Tag in der Altstadt. Es gab einfach zu viel zu entdecken! Obwohl es z.B. keine Hinweise gab, was sich hinter der geheimnisvoll und altehrwürdig aussehenden Tür in einem alten Haus hinter der Mauer (ganz in der Nähe des russischen Restaurants) verbirgt, fanden wir nach dem Eintritt die ukrainisch- orthodoxe Kirche der Stadt! (Bild sechs) Darauf wiesen neben dem Ikonostas (Bild sieben) die vielen Hinweise auf den Kampf um die ATO hin; es gab sogar das schwarz geschmückte Bild eines jungen Mannes, der bei den Kämpfen getötet wurde. Mag sein, er (oder seine Familie) waren bzw. sind aus Tallin oder sind jetzt erst zugezogen. Warum duckt sich die Kirche so heimlich hinter die Mauer? Das Ukrainische sollte populärer als das Russische sein! Hm, Russisch ist jedenfalls in den Straßen von Tallin oft zu hören und man hat nicht das Gefühl, es mit einer diskriminierten Sprache/ Minderheit zu tun zu haben. Aber Gefühle können natürlich auch täuschen....

Auch sonst gibt es viele alte und schöne Kirchen. In einer (Bild acht) fanden wir das neu und mit einer Tafel in Deutsch und Estnisch auffällig gestaltete Grab des Balthasar Rüssow. Uta kannte den Mann aus einem historischen Roman und wunderte sich, eine historische Persönlichkeit vor sich zu haben; ich schämte mich, da ich in alten Chroniken von Rüssow gelesen und den Autor dennoch vergessen hatte. Unweit von uns stand eine Este, der an einem Stand Kirchenmaterial und Stadtführer etc. anbot. Er freute sich sichtlich, dass Brüssows Grab die Aufmerksamkeit deutscher Touristen gefunden hat! Sonst ist mir der Wappenschmuck (Epitaphien) der Kirchen in besonderer Erinnerung geblieben. So viele sah ich nie an einem Ort! Der gesamte preußische Adel schien vertreten; dazu viele Familien, die aus der russischen Geschichte bekannt sind. In St. Marien fanden wir z.B. das Grab von Krusenstern, dessen Name heute über einen russischen Segler, die "Krusenstern" eben, immer noch populär ist.

Wir "fanden" eine Grablege? Ja, denn obwohl Uta immer mal wieder aus dem Rieseführer die wichtigsten Eckdaten der Geschichte rauskramte, ließen wir uns ansonsten treiben. Wozu ist Vollständigkeit gut? Was bedeutet es "alles gesehen zu haben"? Was ist ALLES? Finden ohne zu suchen und auslassen, was sich nicht ohne Weiteres finden lässt... - das kann auch eine Methode sein, Urlaub in fremden Städte zu genießen. Mich hat der Bildungsterrorismus von Reiseführern und Stadtbilderklärern immer schon genervt. Nicht Wissen will ich mitnehmen, sondern Eindrücke; das Gefühl DA gewesen zu sein und es genossen zu haben reicht vollkommen. Den Rest kann man zu Hause nachlesen oder es eben auch lassen. Was mich nicht unmittelbar berührt, brauche ich - zumindest im Urlaub - nicht wirklich.   

Und so streiften wir wieder und wieder durch die Stadt, tranken hier und da einen Kaffee, aßen zu Mittag in der geliebten alten Straße, entzifferten Wappenschilder und Inschriften und lasen die vielen historischen Informationen, die auf Glastafeln an allen möglichen wichtigen Gebäuden angebracht waren. So entging uns nicht, in welchem Haus Dostojewski einst wohnte; wir fanden Adelssitze und Konsulatsgebäude und was so eine alte Stadt sonst noch zu bieten hat. Natürlich das Rathaus (Bild neuen) und eben alte schöne Giebelhäuser. (Bild zehn)

Lustig eine Hinterhofgasse, auf der wichtige Etappen der estnischen Geschichte in Form von Tafeln, die in den Gehweg eingelassen sind, dokumentiert werden. Von nationalem Optimismus zeugt die letzte Tafel mit der Jahreszahl 2418, die das Datum des 500. Geburtstages des estnischen Staates anzeigt. Hm, bis dahin sind die "Zwischenspiele" der Sowjetzeit vielleicht wirklich vergessen. Aber wie dem auch sei. Wir hatten und haben nichts dagegen, dem jungen Staat eine lange friedliche Geschichte und den Esten noch viele Erfindungen a la skype und Erfolge wie "überall kostenloses W- LAN" zu gönnen. In letzterer Hinsicht sind sie ja Vorbild für den Rest von Europa inklusive der Telekommunikations- Wüstenei Deutschland. ;-) War Tallin der Höhepunkt unserer Reise? Uneingeschränkt JA!