Reisebilder aus der Ukraine, der Slowakei, Rumänien und Osteuropa. Reflexionen zum Alltag, Reiseberichte, Kurioses und Interessantes vom Zusammenleben der Völker, Privates für Freunde und Bekannte...

Freitag, 17. April 2020

Robinson in Suceava

Man verkommt. Jedenfalls sieht es so aus. ;-) Ich habe mir einfach vorgenommen, den Bart wachsen zu lassen, solange ich meine Wohnung als "Eiland" betrachten muss. Modell Robinson - frustriert. (Bild oben) Bevor ich das Haus verlasse, schneide ich den Wildwuchs etwas zurück. Das ist alles. Bald sehe ich wieder so aus wie mit 25 oder 30. Der Seebär ist nur etwas grau geworden...

Ich weiß nicht, warum die Religiösen so ein Gewese um ihr heiliges Osterfest machen; am Karfreitag orthodoxer Zählung haben die Lebensmittelläden jedenfalls wie immer geöffnet und sowohl beim Häuslebau als auch auf den Großbaustellen ist viel Bewegung. Man arbeitet wie immer und schert sich einen Dr...ck um die Mundschutzverordnung.

Apropos Mundschutz. Ich bin streng verwarnt worden, nur wusste der Gendarm auch nicht, wo ich das angemahnte Teil her bekomme. Ich habe pflichtschuldig gesucht, aber keine Apotheke hat welche zu verkaufen. Stattdessen schauen mich die Aothekerinnen nur mitleidig an. Spinnt der? Mundschutz kauft man nicht, den hat man. Oder man klaut ihn. Oder... Keine Ahnung. Jedenfalls haben alle einen, bloß ich nicht.

Ansonsten haben sich die offiziellen Zahlen nun doch etwas nach oben bewegt. (Bild unten) Wenn sie irgendwo doch stimmen, dann würde das bedeuten, dass die Infektionsrate sich stark verlangsamt hat. Ich traue dem Frieden nicht. Aber schön wäre es. Davon ab zeigen die Inserate, dass täglich etwa drei Personen am Virus sterben.

Dienstag, 14. April 2020

Covid-19 in Suceava im April II

Gestern war ich noch bei 21 Grad in kurzen Hosen joggen, heute schneit es. (Bild eins und drei) Aprilwetter vom Feinsten und - seit Wochen (!) - das erste Mal Wasser für die Felder und die Pflanzen. Das ist gut...

Sonst nichts Gutes. Suceava ist nach wie vor Infektions- Hotspot in Rumänien. (Siehe Bild Mitte) Im Krankenhaus fehlt es nach Internetberichten nach wie vor an allem. Über Infektionszahlen ist weiter nichts bekannt. Seit Wochen steht die Zahl nun bei knapp 2000 und bewegt sich weder nach unten noch nach oben. Das liegt - wie man im Internet liest - einerseits an nicht vorhandenen Testkapazitäten. Getestet werden nach wie vor nur schwere Fälle im Krankenhaus. Auch für das medizinische Personal, das unverändert infiziert weiter arbeitet, gibt es keine Tests. Andererseits dürfte es an der hermetischen Abriegelung des Krankenhauses durch Straßensperren und Militärposten liegen. So dringen keine Informationen nach außen. Auffällig auch, dass "Monitorul de Suceava" heute zwar berichtete, dass erstmalig Schutzausrüstung für Mediziner eingetroffen sei, allerdings zu wenig, aber sonst keine
Zahlen und keine sonstigen Berichte zur Corona- Situation in der Stadt veröffentlicht. Informationspolitik?

Was macht Hoffnung? Man kann Suceava doch verlassen! Mehrere Spargelstecher aus der Region und der Stadt haben sich an den Kontrollen vorbei geschlichen und sind zur Arbeit angenommen worden. Nun berichtet einer von ihnen frustriert, wie schlecht sie in Deutschland behandelt würden, dass es keine Schutzmasken gäbe und dass man für wenig Geld eng zusammengepfercht ind Bussen und Unterkünften ausharren müsse. Fünf Infizierte seien schon isoliert worden. Je nun. It's Capitalism, stupid!

Außerdem gibt es den Bericht eines Professors und seiner Frau, die beide schwer erkrankten und nun ihre Leiden schildern. Nicht schön. Ich möchte es lieber nicht erleben. Jedenfalls bedanken sie sich bei dem aufopferungsvoll kämpfenden Ärzteteam, das am Ende seiner physischen und psychischen Leistungsfähigkeit sei. Auf Facebook kursierte heute ein Aufruf an die Zentralregierung, endlich Ärzte zur Unterstützung ihrer hiesigen Kolleginnen zu schicken. Aber da erfolgt nichts. (Vor ein paar Tagen war von Freiwilligen die Rede, sechs Mediziner aus Iasis und ein paar aus Sibiu.) Der Artikel schloss, wie üblich, mit der Anrufung an Gott, er möge helfen, weil die Politik es nicht tut. Nun, so sind wir denn von allen verlassen. Ostern eben: Eli, Eli, lama asabtani!

Dienstag, 7. April 2020

Covid-19. Die Lage im April

Derzeit sind etwa 200 medizinische Mitarbeiter im bereits seit dem 25. 03. geschlossenen Bezirkskrankenhaus von Suceava infiziert, was 60% der Gesamtzahl der im Gesundheitswesen von ganz Rumänien Infizierten entspricht.

Außerdem hat Suceava lt. "Monitorul de Suceava" mit über 600 die höchste Zahl bestätigter Covid-19- Fälle im Land. Das ist mehr als ein Viertel aller bekannten Fälle, wobei natürlich zu bedenken ist, dass nicht einmal alle Personen mit Symptomen, sondern nur die in Krankenhäuser zur Behandlung eingelieferten getestet werden. (Das Ergebnis kommt nach ca. 7-10 Tagen, da in Cluj getestet wird.)

Darüber hinaus sind mehr als ein Drittel der bisher in Rumänien offiziell an Covid-19 gestorbenen Personen aus dem Kreis Suceava. In ganz Rumänien sollen es bis Ende März 92 Tote sein.

Nicht lustig, wiewohl komisch, ist, dass nicht nur der Landkreis und die Stadt, sondern auch der verbliebene Teil des Krankenhauses (altes Gebäude) unter "Militärverwaltung" stehen. Seitdem ist dort heilloses Durcheinander, denn das Militär sorgt nur für hektische Betriebsamkeit. Mircea, der sich auf dem Wege der Besserung befindet, aber nicht entlassen wird, obwohl Betten fehlen, berichtet, dass er kaum zum Telefonieren kommt. Alle paar Minuten kommt neues Personal und misst Fieber, obwohl der Vorgänger gerade zur Tür raus ist. Es wird eine Unmenge an Papier vollgeschrieben, aber sonst passiert wenig. Auf Nachfrage antworten die genervten Ärzte und Schwestern, dass ihnen das alles egal ist, sie hätten Anweisung Fieber zu messen und was ein anderer Kollege tut oder getan hat, sei ihnen auch egal. Da möchte man alles sein, aber kein Patient.

Übrigens:  Jedes Mal, wenn ich sonst am Friedhof vorbei jogge, sind eine oder zwei der Leichenhallen "besetzt". Ganz selten ist mal ein Tag ohne Aussegnung. Jetzt habe ich schon 3 Wochen lang keine gesehen! Nur gestern stand ein einsamer Priester an einem einsamen Sarg und waltete seines Amtes. Beerdigungen konnte ich in den letzten Wochen vielleicht vier oder fünf (mit je 3- 5 Angehörigen) beobachten. Was machen sie mit den restlichen Leichen? Die Sterberate wird doch in Zeiten von Covid-19 nicht gesunken sein?

Übrigens: Wie zum Hohn haben wir seit Wochen strahlend blauen Himmel und es fällt nicht ein Tropfen Regen aus dem Azur!

Samstag, 4. April 2020

Schönes Wetter in Zeiten von Corvid-19

In Suceava sind nun die meisten Neuinfektionen wiederum bei Ärzten und medizinischem Personal bestätigt. Außerhalb des Krankenhauses hat es 43 Ärzte, 70 Krankenschwestern, 7 Pfleger und 41 Hilfskräfte neu erwischt. Insgesamt also 181 neue Fälle von 285 in ganz Rumänien. Die lokale Presse (Monitorul Suceava) berichtet, dass die Stadt die meisten Infizierten und Erkrankten in ganz Osteuropa habe. (Weit über 2000 von ca. 3800 bestätigten Fällen in ganz Rumänien.) Mehr Informationen, vor allem zur Situation in den Krankenhäusern, gibt es nicht. Allerdings finden sich im Internet vermehrt Videos von medizinischem Personal, das verzweifelt die Untätigkeit der Regierung und die Unfähigkeit der lokalen Behörden anklagt. Leider verstehe ich nicht alles und verifizieren lässt es sich ohnehin nicht. Aber es wird schon so sein. Es fehlt an Schutzausrüstung und sonstigem medizinischen Gerät. Wie (fast) überall...

Ich kann es nicht ändern und verbringe meine Tage zu Hause. Einmal in der Woche gehe ich am Sonntag früh, wenn die Stadt noch ausgestorben und der Laden leer ist, einkaufen. Nicht aus Angst vor Ansteckung, obwohl mir die Sache schon gefährlich werden kann, sondern einfach, um den Unannehmlichkeiten einer "sozialistischen (?) Wartegemeinschaft" zu entgehen, deren Regeln ich nicht verstehe und rein sprachlich nicht realisieren kann. Irgendwer hat irgendjemandem gesagt, dass er mal schnell noch woanders hin geht, und ich begreife dann nicht, warum ich nicht dran bin, wenn gerade jemand den Laden verlässt und der Nächste rein darf. Freilich rede ich dann Deutsch und die Leute resignieren. Aber mir ist es doch unangenehm...

Einzige Freude sind die "Ausläufe" bei schönem Wetter. So um die 13 Grad bei herrlichem Sonnenschein. Nach ca. 5 km erreiche ich den Fluss (Bild oben), an dem ich weitere 5 km entlang joggen kann (zweites Bild), ehe dann an einem Sumpfgebiet die begehbare Welt endet. (Bild drei am Ende) Dann geht es halt zurück. Dieses Mal war es wieder toll, weil die Hunde, die mich auf dem Hinweg nur aus den umzäunten Arealen verbellten, auf dem Rückweg plötzlich frei herumliefen und angriffen. (Bild unten - im Hintergrund sieht man das Dorf) Wer hatte da mal wieder seinen Spaß mit dem einsamen Jogger? Dumme Menschen. Wie oft ist es mir nun schon passiert, dass sie die Hunde zwar nicht auf mich hetzen, sie aber auf mich loslassen. Mein Sonargerät hat mir geholfen, nur in einem Falle musste ich mit einem Fußtritt reagieren, weil der Hund alt und wohl schon taub war. Ihn störten die Ultraschall- Schock- Wellen gar nicht. Ich hoffe, wenn ich einst alt und taub sein werde, dass es mir ähnlich ergeht! ;-)

Dienstag, 31. März 2020

Suceava abgeriegelt und isoliert


Keine Fotobeschreibung verfügbar.
Suceava iin der deutschen Presse: "Rumänien sperrt die im
Nordosten gelegene Stadt Suceava und acht benachbarte Dörfer, weil dort über ein Viertel aller Infektionen mit dem Coronavirus aufgetreten sind. Das beschloss die Regierung am späten Montagabend. Von landesweit 2109 Patienten, die infiziert sind, leben 593 in der Kreishauptstadt Suceava, die 92 000 Einwohner hat. Vor allem das Kreiskrankenhaus von Suceava gilt als Infektionsherd. Dazu hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen mutmaßlicher Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz aufgenommen." (dpa/nd)
PEST= verPESTete Luft! Diese Erkenntnis ist nun 500 Jahre später auch in Suceava angekommen. Ich sah heute beim Jogging nur wenige Menschen auf den Straßen, keine mehr auf dem Bau. Gut so. Woran das liegt? Ab heute stehen wir unter Militärkommando und haben Stufe 4 von fünf möglichen Katastrophenstufen. (Bild oben) Stufe 4 gilt ab 2000 Erkrankten. Stufe 5 - keine Idee. Suceava ist abgeriegelt...

Jedenfalls wirkt der Befehl zum Tragen von Schutzmasken. Zwei Leute sah ich ihren Müll runtertragen- vorbildlich mit Mundschutz. Stimmt: Man weiß schließlich nie, welch giftige Dämpfe da jetzt aufsteigen. Auch sämtliche (!) Autofahrer, die ich sah, trugen im Auto Mundschutz. Ich hoffe nur, sie behalten ihn abends beim Küssen auch auf. Die Gattin und so. Man weiß ja nie, ob die nicht voll infiziert vor dem Fahrer im Auto gesessen hat! Und dann diese stickige Luft...

Die Straßen sind auch frisch gesprengt. Das hat in Kiew sogar gegen Radioaktivität geholfen. Machen die heute noch. Jetzt also auch in Suceava. Wäre man bloß früher mit Wasser gegen das Virus vorgegangen! Viel wäre uns erspart geblieben. Aber jammern hilft nicht. Nun kommt wenigstens der Dreck weg...

Nur in Lisaura gab es eine Oma, die wirklich völlig ungeschützt ihre Beete hackte. Mich befiel Panik. Kein Mundschutz! Ich empfehle den Stadtoberen nach Galenius oder Guillaume de Harsigny (hab vergessen, wer es vorschlug) dringend die sofortige Errichtung einer Pestmauer! Nur das kann den Pesthauch aus dem Mund der Hexe aufhalten. Wahlweise Kruzifixe...

Immerhin: In Suceava kann man jetzt völlig angstfrei auf allen Vieren zum Profi kriechen. Die Gehwege werden nun vorbildlich desinfiziert. (Siehe Bild zwei) Die Politik tut was. Ich hätte nur einen kleinen Vorschlag: Wie wäre es, wenn man Helikopter zum Desinfizieren der Luft einsetzte? Oder, besser: Man sollte die Leute auf einem großen Platz zusammentreiben und dann aus der Luft desinfizieren. Drei Mal täglich eine Woche lang. Dazu könnten die Glocken läuten. Miasmen, nahm man im 18. Jahrhundert an, vertragen die Schallwellen nicht. Aber wie dem auch sei. Suceava ist auf dem richtigen Weg...

Nichts Optimistisches? Doch. Es wird bald wieder mehr Kinder geben. Die Störche sind da! Wenn man auf den Bildern unten genau hinguckt, sieht man sie. Habe sie extra für meine werte Gattin fotografiert; die kann es ja immer noch nicht fassen, dass die Viecher hier 'ne Landplage sind. Auf dem Foto sieht man leider nicht, dass auf dem Acker an die 50 Vögel saßen. Sie sind nur leider aufgeflogen, als der pflügende Traktor kam. :-(

Samstag, 28. März 2020

Covid-19 in Suceava (II)

Bukarest (ADZ) - In Suceava spitzt sich die Lage dramatisch zu: Angesichts der bereits knapp hundert infizierten Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger stehen die Hospitäler der Stadt vor dem Kollaps. Das lokale Kreiskrankenhaus musste als sogenannter „Superverbreiter“ bereits seine Tore schließen, seine in andere Kliniken verlegten ungetesteten Patienten infizierten weiteres Krankenhauspersonal. Vor dem Hintergrund der chaotischen Zustände und einer zunehmenden Panik in der Stadt trat inzwischen auch die Chefin des lokalen Gesundheitsamtes, Silvia Boliacu, zurück.

Nelu Tătaru, der zum Krisenmanagement nach Suceava gereist war, sprach am Donnerstag in der ersten Regierungssitzung, der er als Gesundheitsminister beiwohnte, von einer „Verkettung schwerwiegender Fehler“, die die Stadt in einen „Infektionsherd“ verwandelt hätten. Er baue auf die Unterstützung der Regierung, um diese Krise bewältigen zu können.

Angesichts der rasant steigenden Infektionsfälle vor Ort forderte das Bündnis USR-PLUS am Donnerstag, die Bewohner prioritär testen zu lassen sowie eine sofortige Abriegelung der Stadt – man riskiere sonst, dass Suceava zur „Lombardei der Moldau“ werde.
(Meldung: Allgemeine Deutsche Zeitung vom 27.03.2020)