Reisebilder aus der Ukraine, der Slowakei, Rumänien und Osteuropa. Reflexionen zum Alltag, Reiseberichte, Kurioses und Interessantes vom Zusammenleben der Völker, Privates für Freunde und Bekannte...

Montag, 9. Juni 2008

Kiew und seine Nöte (III)

Eine andere „Not“ ist sicher die der Identität. Bulgakow (Bulhakov auf Ukrainisch) hat Jahre seines Lebens in Kiew verbracht, zählt aber doch als Russe, weil er auch in Moskau war und überdies – Hauptkriterium – Russisch schrieb. Gogol (Hohol) ist wenigstens seiner historischen ukrainischen Motive wegen, sein Wohnort liegt in der Nähe von Mirgorod, also auf dem Weg von Kiew nach Charkiv, zugelassen. Aber auch Repin, der ebenfalls bei Charkiv geboren und in Finnland gestorben ist (dort sollen sie ihm sogar ein eigenes Museum gewidmet haben!) gilt hier als „Russe“. Noch schlimmer trifft es Kandinsky, der mit einer ganz kleinen und nun wirklich leicht zu übersehenden Gedenktafel in Odessa geehrt wird, denn der gilt nicht einmal als Russe. Der ist „Jude“ und also eigentlich so etwas wie eine nationale Schande. Und wenn die heutige Ukraine sich lauthals von der „kommunistischen Zeit“ (wenigstens im Westen oft verunglimpft als Kommunofaschismus- wobei der Wortteil „Faschismus“ weniger anrüchig ist) abwendet, so teilt der arg volkstümelnde Kunstgeschmack mit Karpatenglühn und röhrendem Hirsch (der in Wirklichkeit längst gegessen, also ausgestorben ist) mit der weiland Realismus- Propaganda immer noch den alten Hass auf den Modernismus und die „Dekadenz“. Indem man so all die Großen, die aus Gründen der Bildung und des Anschlusses an die herrschende und als attraktiv empfundene russische Kultur eben Russisch sprachen und schrieben, aus der eigenen Geschichte ausgrenzt, bleibt man mit den Provinzblüten der tümelnden Dorfprosa unter sich. Halb nur bewusst, aber in der Hypertrophierung des Gottes Tschewtschenko und der unermüdlichen Propaganda der Weltgeltung von Olga Kobylanska (nichts gegen diese verdienstvolle Frau!), die immerhin aus der Stadt Eminescus, Celans, Ausländers, Mangers und Steinbargs stammt, also aus Chernowitz!, immer präsent ist der Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Puschkins, Tolstois und Dostojewskijs…

Wie dem abhelfen? Immer wenn es einem Volk in der Frühphase seiner nationalen Konsolidierung an einer eigenen nennenswerten Geschichte mangelt, kommt ein unermüdlich nach Ersatz suchender Historismus ins Spiel. Wie viele Geschichtslügen der so transportiert, darüber will ich mich hier nicht auslassen, die Deutschen haben mit ihrer Herrmann- Schlacht ein hübsches Beispiel vor Augen und sollten nur mildtätig lächeln, wenn sie hören, dass der populärste Ukrainer (jüngst erkoren) ein Fürst der Kiewer Rus ist; mir geht es vielmehr um die eigenartige Architektur in einem Land, das immerhin mit dem Gasprom- Gebäude in Charkiv ein großartiges und bis heute lebendiges Monument moderner Architektur der 20er Jahre vorzuweisen hat! Im Privaten drückt sich das in einer stillosen Suche nach Vorbildern aus, die meist irgendwo zwischen Versailles und mini- mundus, Legoland und „kleinem Erzgebirge“ in ein Schlösschen mündet, dessen Erkerchen und Winkelchen spätere Dachreparaturen eher früher als später wahrscheinlich machen. Im Rahmen einer Hauptstadt sieht das natürlich anders aus und wird Historismus pur, etwa so, wie die Polen nach 1945 Warszawa im historischen Stil wieder aufbauten. Im Falle von Kiew ging es zuerst um die Wiedererrichtung der von Stalin geschleiften oder untern seiner Nachfolgern als Warenlager u.ä. missbrauchten Kirchen, deren Substanz eigentlich kaum zu retten war. Hinzu trat der Neuaufbau der Kirche, in der Tschewtschenko (siehe oben) vor seiner Reise gebetet hat, der Kirche, die als älteste im Stadtteil Podil nach alten Stichen rekonstruiert wurde usw. Neu ist der Versuch, den Reichen ein ganzes Stadtviertel zu schenken (äh, die müssen die Wohnungen natürlich kaufen, die „Armen“!), in dem sich der (Pseudo)Jugendstil Kiewer Prägung mit den Vorstellungen von „alten Gassen“ mit Weinhandlungen von Weltformat etc. verbindet. Immerhin bewahrheitet sich hier meine Voraussage, dass der wirkliche Reichtum sich bald nicht mehr in den 26geschossigen Wohnburgen zu Hause fühlen, sondern dass er nach individuelleren Lösungen suchen und also die Altstadtteile für sich entdecken wird. Da das Bauen in der Altstadt mühsam ist und das wirklich Alte (noch) kein Prestige besitzt, mag sich das Pseudo- Alte heute gut verkaufen. Es ist ja fast alles noch „Pseudo“ in der Ukraine! Aber endlich wird kein Weg an Podil und Petschersk vorbei führen, wo heute Wohnungen, deren Innenleben in Sachen Installationen und so dem hier schon oft geschilderten „meiner“ Czernowitzer Wohnung sehr nahe kommt, zu Preisen zwischen 1800 und 4000 $ monatlich vermietet werden. Wo heute Diplomaten und Mitarbeiter des Goethe- Instituts wohnen, werden später die wirklich Reichen ihre (Stadt)Häuser haben. Oder doch nicht? Einen Vorteil haben die schmalen Pseudo- Gassen immerhin: Sie sind leicht zu kontrollieren und im Notfall durch Barrikaden abzusperren, ich meine dann, wenn die Teilnehmer an den kommenden Hungerrevolten mal wieder „Revolution“ spielen. Oder werden die sich doch still vor ihren (vom Staat statt der dringend notwendigen Altersheime, Obdachlosenasyle, AIDS- Krankenhäuser und Entziehungsanstalten finanzierten) Kirchenneubauten dem Schicksal ergeben? Wer weiß …

Kiew und seine Nöte (II)

Kiew? Nun, nicht nur. „Alles, was mein Sohn über die Liebe wissen muss“ – so sprach eine befreundete Kollegin meines Alters – „steht bei Puschkin!“ Nun denn, der hat sich erschießen lassen, was Jaroslaw hoffentlich nicht nachmacht! Was die Liebe junger Leute in der Ukraine ansonsten mit Puschkins romantischem Gefühlsüberfluss verbindet, ist mir immer noch weitgehend unklar. Umfragen unter den Mädchen jeder neuen 9. Klasse (13- 14 Jahre) ergeben jedenfalls immer aufs Neue, dass sie kaum von der Liebe, sondern eher von einem reichen Mann träumen. Auch sonst hapert es mit der Romantik ein bisschen, jedenfalls was die Örtlichkeiten der dann doch vorkommenden Liebe anlangt...

Liebe auf dem Klo“ (Benjamin Lebert, Crazy) darf es zwar eigentlich nicht sein, denn das hat eine zweite mir sehr liebe Kollegin als absolut unsittlich heftig bestritten! Und hinzugefügt: DAS täten ihre Kinder hier nicht (also „Kind“ ist man hier bis zum ersten eigenen Kind bzw. bis zum Entlassungsdienstgrad aus der Armee). Ich bin mir da aber nicht so sicher, denn ich kenne eines ihrer Kinder recht gut. Und dieses argumentierte knallhart: „Wo sollen wir denn sonst hin?“ Ja, wo sollen all diese 16, 18 oder 22jährigen hin mit all ihrer Liebe, die theoretisch in der elterlichen Zweiraumwohnung und meist unter Daueraufsicht der Familien- Babuschka (Oma) stattfinden müsste. Also doch das Klo? Oder vielleicht besser die „freie Natur“? Mit der freien Natur ist es im parkreichen Kiew so eine Sache. Sie ist nicht einfach zu haben, obwohl…

Also, mitten in der Altstadt, dort, wo man von der am Dnjepr- Ufer liegenden Vorstadt Podil die Touristen- Andenken- Meile Andrijewski- „Aufstieg“ in Richtung Oberstadt hinaufsteigt, eigentlich unweit des hübschen Bulgakow- Museums (der aber – pfui Teufel – Russisch und nicht Ukrainisch geschrieben hat!), gibt es zwei weitere Aufstiege. Einer führt auf den mit Bierzelt und Aussichtsplattform verunzierten Gipfel eines der unzähligen Hügel der Djepr- Böschung und ist also nicht weiter interessant. Aber der andere, die ungepflegte Treppe mit ihren fehlenden Stufen zeigt es an, erschließt einen vergessenen Teil der Vorstadt: den alten Friedhof mit seinen eingesunkenen und von Grün überwucherten Gräbern. Dort also kann ES sein, dort also muss ES geschehen- und es geschieht auch. Sah ich beim Aufstieg noch ein Pärchen in inniger Umarmung und eine junge Frau wartend, so ließen mich die recht eindeutigen Geräusche beim Abstieg einen Bogen um das Lager derer schlagen, die endlich glaubten, einmal allein zu sein. In diesem Glauben mochten sie an jenem Tage im Mai bestätigt worden sein, denn sie sahen mich, der ich sie hörte, nicht, aber eigentlich „originell“ kann man ihre Idee schwerlich nennen. Von den vielen Umweltproblemen, die Kiew hat, ist das „Gummiproblem“ vielleicht nicht das Schwerwiegendste, aber wenigstens dort oben kam ich mit dem Zählen der herumliegenden Kondome bzw. Kondompackungen gar nicht nach. Was für ein liebeshungriges Volk!

Oder ist das wieder nur „mein Blick“? Meine Freundin Dascha behauptet jedenfalls, dass sie – seit sie mit mir spazieren gegangen ist und sich meine Erläuterungen hat anhören müssen – au8ch schon überall Kondome sieht. Interessant ihr Fazit: „ich bin stolz auf mein Volk!“ Und, hat sie nicht Recht? Was kann liebenswerter sein als die ständige Suche nach einer Möglichkeit, sich lieb zu haben?

Oder wäre die „Lösung des Wohnungsproblems“ doch die bessere Lösung?

Kiew und seine Nöte (I)

Klar, ich bin nicht aktuell. Der neue Bürgermeister von Kiew, das fast 50% des BIP der Ukraine produziert, ist auch der alte. Ein Milliardär, der schon mal einen Innenminister auf öffentlicher Szene ohrfeigen darf, und der dann – wegen des folgenden Skandals (Innenminister haben was mit Macht und Korruption, bisweilen auch Anti- Korruption zu tun) – auch prompt seiner Neuwahl zustimmen muss. War die Wahl von vorneherein sicher? Wohl nicht ganz, denn im Nebel des politischen Irgendwo brauten sich konkurrierende Interessen auf, die sehr wohl über Einfluss auf die öffentliche Meinung der Hauptstadt verfügen. An erster Stelle wäre da wohl der vor Tschernowietzky amtierende Bürgermeister Omeltschenko („unser Omeltschenko“) zu nennen, der unter der „neuen“ Macht um die sorgsam eingefädelten Immobiliengeschäfte seiner Söhne bangen musste und dem sein Sitz im Parlament (notwendig wegen der vor Strafverfolgung durch diverse Neider schützenden Immunität) nicht mehr genug war. Genug, dass er angetreten ist. Er wird kaum „verloren“ haben, denn das Taktieren der Kandidaten macht so manchen vorteilhaften „deal“ mit dem lancierten Gewinner möglich.

Unzweifelhaft populär auch ein Boxer: Klitschko mit Namen. Was macht so ein Mann in der Politik? Mögen es andere „analysieren“, fest steht, dass er – unterstellen wir ihm edle Absichten – sowieso nur hätte „edel“ scheitern können. Mit starker Hand gegen Korruption- das war sein „Programm“. Bloß wem wollte er die Nase einschlagen in seinem Rathaus? All den freundlich lächelnden Mitarbeitern der Administration, ohne die er nie hätte auch nur einen Schritt unternehmen können? Denen sicherlich nicht. Irgendwelchen „Großen“… - vielleicht Aber es wären doch die „Kleinen“ gewesen, an denen er scheitern musste. Freilich, Menschen sind ja nicht durch und durch schlecht und kommen schon gar nicht korrupt auf die Welt. Sie verdienen nur einfach zu wenig und haben sich an diverse Nebenverdienste gewöhnt, denn nur mit diesen können sie ihre Familien durchbringen und das Auto unterhalten, mit dem sie allmorgendlich die Straßen zustauen. Klitschko ehrlich unterstützen würde bedeuten, sich selbst arm zu machen. Von wem kann man, kann ein Millionär wie dieser Ex- Profi DAS verlangen? Die Mittel, all diesen subalternen Mitarbeitern durch ein stattliches (monatliches) Geldgeschenk den Anti- Korruptions- Kurs zu versüßen hat er schließlich nicht. Also ist der Milliardär dran, der zwar im Traum nicht daran denkt, in Sachen Korruption etwas zu unternehmen, aber der immerhin Geldgeschenke machen kann…

Geldgeschenke? Nun ja, Wahlkampf ist eine lukrative Sache für die Zeitungen, die endlich ein Thema haben und Anzeigen schalten können, für die Werbe- und Druckindustrie, die all diese unglaublichen Massen von Plakaten, Handzetteln, Zeitungen usw. herstellen darf, die sich in Deutschland keine Partei leisten könnte, und schließlich auch für den kleinen Mann, der als gekaufter Demonstrant (ca. 10 Euro/ Tag) oder Handzettel- Verteiler in einem Wohngebiet (ca. 100 Euro/ Monat) oder gar „Inhaber“ einer Wahlkampfzeltes (in dem er im Wesentlichen rumsitzt, weil es 1. niemanden interessiert und weil er 2. auf Fragen nichts antworten könnte, da er sich eh für Politik „nicht interessiert“) für bis zu 400 Euro im Monat mal einen gut bezahlten Job findet. Meine junge Freundin Ljuba verdiente immerhin bei einer kleinen Partei, deren Namen sie nur mit Mühe aussprechen konnte und von deren Programm sie rein gar nichts wusste, 100 Euro im Monat für ca. 2 h „Arbeit“ am Tag. Manchmal musste sie sich nur mal kurz „im Zelt“ sehen lassen! Zum Vergleich: Für 18 h pädagogischer Arbeit an ihrer alten Schule hat sie inklusive nachmittäglicher Korrekturen usw.für Polnisch- Unterricht nicht ganz 100 $ verdient…

So freut sich auch der kleine Mann immer mal wieder auf die turnusmäßig stattfindenden Wahlen, die ihn ansonsten kaum interessieren. Er hat keine Ahnung, aber – im besten Falle – eine Meinung: und die wählt er. Dass es eine gekaufte Meinung ist, merkt der, der selber immer nur ans Kaufen denkt, selber nicht. Das erkennt man nur am Wahlergebnis und das spricht eine deutliche Sprache: Wer Milliardär ist, mag ein Idiot sein, aber vom big Business wird er wohl was verstehen. Und drei Mal dürfen die auch diesmal wieder Betrogenen raten, bei wem der sich all die Kosten für das viele Papier, für die Fernsehauftritte und für die Wahlkampfstände zurückholen wird! Aber das Volk, der große Lümmel, träumt von Zuckererbsen noch immer…

Sonntag, 8. Juni 2008

Remont die dritte...

Also wie oft nun noch? Die dritte „Reparatur“ meiner Badsteckdose brachte endgültig das Desaster. Als die Flammen im Maschinengewehrtakt aus der Dose schlugen und ich nicht wusste, wie ich da den Stecker ziehen sollte – dass die Sicherungen also überbrückt sind, ist nun endgültig klar -, wollte ich endlich ausziehen! Aber der Anfall währte nur kurz. Ich griff mir ein paar Lederhandschuhe und riss beherzt den bereits angeschweißten Boilerstecker samt Steckdose aus der Wand und von den brüchigen Alu- Kabeln ab, die der chosjain (Wirt, Hausbesitzer) anno dunnemals selbst verlegt hatte. Dass ist ihm nun wohl doch zuviel, denn trotz Zusage am Freitag ist er noch nicht erschienen. Sitze also seit 3 Tagen wieder mit einer Schüssel heißen Wassers in der Badewanne... Wie oft hatte ich das nun schon in den letzten 7 Jahren? Ich werde es auch diesmal wieder überleben :-(

Bleibt noch was zum chosjain zu sagen: Ein netter Mensch immerhin und zuverlässig um mein Wohl in seiner Wohnung bemüht. Ich habe wohl alle die üblichen Vorurteile den Deutschen gegenüber bestätigt und das freut ihn. Bisher war immer aufgeräumt, wenn er kam, an meiner Stromrechnung sieht er, dass ich sparsam bin; dass ich kein Gas verbrauche, nimmt er kopfschüttelnd hin, aber da keine Frau im Hause ist, versteht er, wenn nicht gekocht wird. Sein Mobiliar ist noch heil und ich bezahle sogar die unsinnigsten Telefonrechnungen- was will er also noch? Was er will? Gewissheit! Er möchte so gerne wissen, wer ich bin, denn dass ein Deutscher in der Ukraine in einer Schule (!) arbeitet, das will ihm denn doch nicht in den Kopf. Dass ich - nach eigener Aussage - Mitarbeiter der Botschaft sein soll, befriedigt ihn schon gar nicht. Ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft in seiner Wohnung in Chernivci?! Pfff, Hose und Kneifzange oder so. Bei der letzten Reparatur ergab sich nun die Gelegenheit, sich Gewissheit zu verschaffen. Da ich nicht da sein konnte, hatte ich eine Schülerin gebeten, das Haus zu hüten bis er kommt. Die lachte sich tot und vermeldete, er habe mindestens drei Mal nachgefragt, ob ich nicht doch ein westlicher Spion sei! Arme Sowjetphobie allem Fremden gegenüber!

Kenne ich das nicht schon? Ja, nach einer langen fruchtlosen Diskussion mit einem ehemaligen Panzergeneral der sowjetisch- ukrainischen Streitkräfte (damals ca. 45 Jahre alt und also etwa 15 Jahre außer Dienst) über die amerikanischen Interessen, alles wissen zu wollen, weshalb man beispielsweise zu „seiner Zeit“ Stadtpläne druckte, auf denen Straßen fehlten, die zu militärischen Anlagen führten, zeigte ich ihm in google- earth sein Haus in Kiew mit 3 Autos davor. Er war so erschüttert, dass er nicht mal seinem Sohn glaubte, dass heute jeder Amateur im Internet seine Panzerkaserne in der Ich- weiß- nicht- mehr- wie-sie-heißt-Straße ansehen kann. Wenigstens für Minuten war ich auch bei diesem Freund der westliche Spion mit den unglaublichen Möglichkeiten eines James Bond! Satelliten- Bilder hat er nicht mal als General zu sehen bekommen!

Ja, ein Handy allein schafft eben doch keinen modernen Menschen und – was meinen chosjain anlangt – so möge er weiter glauben, dass man bei einem Boiler aus Metall keinen Schuko- Stecker braucht, weil die Erdung ja über den Wasserstrahl erfolge. Anfrage an Sender Eriwan: „Stimmt das?“ Antwort: „Im Prinzip ja. Ist nur dumm, wenn sie gerade unter dem Strahl sitzen!“ Aber ob das so schlimm ist? Ein Spion weniger…

Montag, 2. Juni 2008

Das Wandern ist des Müllers Lust…

Nicht nur des Müllers, sondern auch des einsamen Bundesprogrammlehrers, der neugierig war, wohin ein Karpaten- Tal- Weg führt, den er schon Mal in Familie zu erkunden versucht hatte. Damals scheiterte das Unternehmen am regnerischen Wetter; das war diesmal nicht zu befürchten. Aber, um es vorweg zu nehmen, trotz 3stündigen unermüdlichen Eindringens in die Tiefen des Tals hab ich das Ende nicht erreicht. Ehe ich aber dazu komme, sind ein paar touristische Informationen unumgänglich…

Eigentlich wollte ich nämlich gar nicht unbedingt dorthin, wo ich schon einmal war. Also hielt ich in Berehomet an, wo endlich einmal sichtbar ein Waldweg in die Natur hinein führte. Nach ca. 20 min wusste ich, dass ich auch dieses Mal wieder einem Trugschluss aufgesessen bin. Solche Wege sind bestenfalls temporäre Transportwege für die Holzfäller; sie enden auf einer Rodung und verwahrlosen dann in dem Maße, wie das Gebiet nicht weiter bewirtschaftet wird. Für die Naturlandschaft ist es natürlich toll, dass sich die Ausbeutung der Natur nur auf straßennahe Zonen beschränkt, für den Wandervogel ist es aber ein Ärgernis: Man fährt an herrlichen Ausblicken in die Berge vorbei und findet buchstäblichen keinen „Eingang“; nicht mal Trampelpfade wie rings um den Hoverla, den höchsten Berg der Ukraine! So sehr ich auch suchte, es wurde nichts. Alle Wege enden an irgendeinem Gehöft oder irgendeiner Bergwiese, von der aus dann nichts mehr geht.

Wanderkarten soll es übrigens geben. Mein Nachbar meinte, in den ausgesprochenen Wintersportgebieten hinter Jaremcha gäbe es auch ausgedehntere Wanderwege, Ich fand aber am Karpatenrand keine und die Karte, die ich am Eingang des Wyshnicaer Distrikts am Straßenrand sah, verzeichnete 3 Touren im ganzen Gebiet. Zwei davon begannen in Wyshenka, dem Ort, den ich schon einmal durch Zufall gefunden und dessen Bergtour (ca. 1,5 h) ich schon einmal gegangen war. Die Taltour auch, aber eben unvollständig.

Also schritt ich zügig aus, da ich ja weiter als beim letzten Mal kommen wollte. Der Weg folgt dem kleinen Bergfluss, der von den Gipfeln zum Cheremosh führt. Aber, das war meine erste Erkenntnis, auch bei trockenem Wetter ist er teilweise eine Art Flussbett für die Bächlein, die als Zubringer fungieren. Kurz, es blieb feucht und so richtig schnell kam ich nicht voran, da oft Wasserflächen zu überwinden waren. Dafür wurde die Landschaft immer schöner und blieb – das müsste es mal in Deutschland geben – so menschenleer wie am Anfang. Insgesamt sah ich in 6 Stunden 3 Angler, eine Reiterin, eine Mercedes- Familie beim Picknick, ein Holzfahrzeug mit Arbeitern und zwei Trottel mit solchen geländegängigen, als Vierradfahrzeug umgebauten Motorrädern, die unnötigerweise die Stille mit ihrem Gedröhn für einen Moment störten. Aber die sah ich dann nicht wieder.

Ziemlich weit hinten gab es dann doch Wege, die vom Hauptweg abbogen und in die Berge führten. Einen erklomm ich und wurde für meine Mühe mit einem herrlichen Blick auf di8e umliegenden Hänge belohnt. Wahrscheinlich führen andere Wege zu den kleinen Häusern auf der gegenüberliegenden Seite. Wo der Weg endet, konnte ich trotzdem nicht herausfinden, denn nach ca. 3 Stunden beschloss ich umzukehren. Da der LKW, der sich vor mir durch den Fluss quälte, irgendwoher gekommen sein musste, vermute ich mal, dass der Ausgang auf der anderen Seite an der an der Straße nach Putyla liegt. Mal sehen, vielleicht schaffe ich das beim nächsten Mal!

Zurückgekehrt zum Eingang des Tals ließ ich mir jedenfalls die frischen Tomaten und das Zwiebellauch schmecken, das in einer dem „grünen Tourismus“ verpflichteten Gastwirtschaft im Blockhausstil zum deftigen Schaschlik gereicht wurde. Schaschlik, ja, das können sie hier…

Samstag, 31. Mai 2008

Friedhöfe

Also, Friedhöfe haben hier schon was. Es gibt viele, die untergegangene Besiedlungskulturen dokumentieren (Polen, Deutsche, Armenier usw.), andere, die – tragischerweise – den Untergang ganzer Völkerschaften anzeigen (Juden). Und als historische „Dokumente“ sind sie selbst wieder lesbar als Zeichen des Umgangs mit Gedächtnisorten, mithin dem Gedenken schlechthin.

Die jüdischen Friedhöfe verwahrlosen und zeigen an, dass sich kaum noch jemand um die Gräber kümmert, kümmern will oder kümmern kann. Im Falle von Czernowitz, wo etwa 70 000 Grablegen eine Nekropole von einigem kulturgeschichtlichen Rang anzeigen, ist die Tragik fassbar, aber doch auch unverständlich. Wenig Geld wäre vonnöten, die Wege begehbar zu halten und die Friedhofssynagoge (Begräbnishalle) in Stand zu setzen. Sollten das die (meist nach Israel ausgewanderten) Hinterbliebenen nicht aufbringen können? Auch institutionalisierte Träger von Gedächtniskultur scheinen sich um den hiesigen Friedhof nicht zu kümmern. Er ist zwar als „historisch“ und schützenswert ausgewiesen, aber die allerorts spürbaren Versuche, die Stadt zu ihrem 600jährigen Jubiläum auf Vordermann zu bringen, gingen bisher an den eingestürzten Mauern und überwucherten Gräber der einstigen Mitbewohner vorbei. Juden gehören offensichtlich nicht einmal als historische Tatsache zur Geschichte der Ukraine. In der Schule feiert man Bohdan Chmelnitzky als so etwas wie einen Staatsgründer (welchen Staates?); dass in den Kosakenaufständen der erste Genozid an Juden verübt wurde, ist unbekannt. Unbehaglich ist das Thema allemal, denn wenn man jemanden daraufhin anspricht, kommt oft Antisemitisches zu Tage. Gegen Juden direkt hat dabei kaum jemand etwas, aber hierher gehören sie doch nicht (sollen nach Israel gehen). Oder man ist eben einfach stolz darauf, keinen Juden in der Familie zu haben, und hat man einen, dann ist es sicher der davongelaufene Schwiegersohn (typisch Jude!). Anders als in Deutschland, und vielleicht auch anders als man es sich angesichts des viel geschmähten Antisemitismus in der Sowjetunion vorstellt, funktionierte die Integration der Juden auf den öffentlichen Friedhöfen zumindest in Chernivci allerdings problemlos. Angesichts der vielen jüdischen Namen, der hebräischen Schriftzeichen, der Davidsterne und bisweilen auch der jiddischer Verszeilen (siehe Foto) auf den Gräbern offensichtlich stadtbekannter und daher auch etwas abgesondert beigesetzter Persönlichkeiten (Theaterleute, Mediziner, Musiker, Professoren usw,) fragt man sich schon, ob das zu ihren Lebzeiten ebenso selbstverständlich war. Vielleicht ja, denn auf meine Frage, ob mein verehrter Kollege Zuckermann wegen seines Namens nicht manchmal Probleme mit den Schülern oder Eltern hätte, antwortete die stellvertretende Direktorin Frau Banar im Brustton der Überzeugung: „Felix ein Jude? Ach was, das ist doch unser Felix!“ Wobei die Betonung auf „unser“ lag…

Die öffentlichen Friedhöfe also. Auffällig und ungewohnt für deutsche Augen sind die in die meisten Grabsteine eingelassenen Fotos. Oft finden sich neben den Grablegen auch Bänke und Tische, die am Tag des Totengedenkens genutzt werden, an dem man sozusagen noch einmal mit den Toten isst und trinkt und sich (und ihnen) das Neueste erzählt. Waren die Grablegen und die Steine zu früheren Zeiten sichtbar standardisiert und wenigstens in der Größe von eher schlichtem Format, so treibt die neue Freiheit heute auch hier merkwürdige Blüten der Geschmacklosigkeit hervor. Bänke und Tische sind nun aus Granit oder Marmor und gehören zu einem Ensemble, das mal einem griechischen Arkadengang ähnelt, mal von Einfriedungen im Stile der Renaissance umgeben und gemessen an der Bedeutung der begrabenen Person im Leben auf jedem Fall zu gewaltig daher kommt. Oft treten einem nun die hier Bestatteten in Lebensgröße (als Turner am Reck oder als 16jährige Ballerina in Pose) entgegen oder es findet sich auf der Rückseite der Steine ein dezenter Hinweis auf die Todesursache (den Lebensinhalt?) des Verblichenen. Oder was sonst soll der in einer Serpentine kurvende Mercedes zu bedeuten haben?

Ein besonderes Kapitel sind aber die Kindergräber. Wie geht man mit solch einem Verlust um? Kann man es ertragen, bei jedem Friedhofsbesuch an ein lachendes Gesicht erinnert zu werden? Offensichtlich ja, denn nicht selten finden sich Skulpturen, die auch die Kleinen in ihrer ganzen Zartheit und Zerbrechlichkeit (Zerbrochenheit?) darstellen. Dabei ist das alles ziemlich bunt und meist gar nicht sehr feierlich, jedenfalls überdecken die vielen leuchtenden Plastikblumen auf den Plastikkränzen jeden aufkommenden Anschein von Düsternis. Schwarze Schleifen finden sich auf frischen Gräbern; auf denen älteren Datums leuchtet ein mehr oder weniger neues Kranzimitat mit roten, blauen, gelben oder weißen Blumen, oft in den Nationalfarben blau- gelb. Die sind im Straßenbild und auch auf den Friedhöfen bzw. rundherum als Farbgebung der Bänke, der Buswartehäuschen, der Zäune oder Eingangstore so allgegenwärtig, dass man meinen könnte, die Regierung habe einen Rabatt für himmelblau und quittegelb verkündet. Möglich wär’s immerhin…

Donnerstag, 29. Mai 2008

„Remont“ die zweite…

Habe gestern 2 Stunden sauber gemacht, aber es nutzt nichts: Mittlerweile muss ich alles in der Wohnung waschen, da sich feinster Staub überall abgelagert hat. Das wird allerdings Probleme machen, denn meine Bad- Steckdose hat es endgültig erwischt: Beim Einstecken des Steckers ging sie in Flammen auf! Habe so etwas noch nie gesehen und weiß nun, wie Wohnungsbrände entstehen. Da die Steckdose im Korridor an den gleichen untauglichen Kabeln hängt und beim Staubsaugen immer schon verdächtig heiß wurde, fällt sie als Alternative für den nächtlichen Betrieb des Boilers aus. Muss mir wohl noch einmal ein Verlängerungskabel kaufen und vom Schlafzimmer aus Waschmaschine und Boiler betreiben. Hoffentlich stolpere ich dann nachts nicht drüber…

Ansonsten ist die Quelle für den Staub ausgemacht: Durch offensichtlich nicht nur in meiner Wohnung unverstrichen gebliebene Bohrlöcher für die neuen Plastikrohre dringt der bei den martialischen Einreiß- und Lochbohrarbeiten (vielleicht bohren sie mit ungeeigneten Maschinen neue Leitungswege für Kabel in die Wände?) entstehende Staub in meine Etage ein. Und nicht nur der! Unter den Löchern sammelt sich der Dreck zentimeterhoch; kommt man aus dem Klo, ist man „bestäubt“.

Gut, man kann ja nicht alles fotografieren und dokumentieren. Wozu auch? Allerdings ist es schon nervenaufreibend, wenn einem mitten in der Arbeit - beispielsweise an diesem Blog - der Putz von der Decke ins Genick fällt. Der Teufel weiß, was sie oben nun wieder getan haben, aber es krachte mächtig und da löste sich über der Plattenfuge der Putz. Muss man also wieder sauber machen und das ästhetische Dilemma ist auch noch 4 Wochen auszuhalten.

Länger nicht, denn mitten in die Hammerschläge "von oben" kam ebenfalls von "oben" der Donnerschlag: "Entlassung". Czernowitz wird mich also nicht wiedersehen, es sei denn zu Besuch. Das ist immerhin unangenehm, denn so kurz vor der Sommerpause ist in old germany wenig auszurichten. Die Begründung, eine Drittvermittlung sei prinzipiell problematisch, hätte dem Amt (ZfA) auch früher einfallen können. Immerhin habe ich meinen Verlängerungsantrag bereits im Dezember gestellt. So fühlte ich mich denn berechtigt, meiner Enttäuschung über derart unkollegiales Verhalten deutlich Ausdruck zu verleihen und siehe, die Ansprache wirkte: Ab März 2009 werde ich voraussichtlich aus Ivano- Frankivsk berichten, was es in der Ukraine Neues gibt bzw. was mir ganz konkret so alles passiert. Ich bin schon ganz entspannt, denn die Übersiedlung wird mit dem Bezug einer neuen Wohnung einher gehen. Hoffentlich in einem Haus, in dem niemand ewro- remont plant!

Womit wir wieder beim Thema wären. Habe heute gewaschen! Aber, o Wunder, in der Waschmaschine sammelten sich die durch die Wasserleitung eintretenden Steine! Ist so was möglich? Immerhin sind die größten ca. 10 x 5 mm! Es ist möglich- das Foto sagt alles. Mal sehen, welche Folgen das für die Maschine hat, denn die kleineren Bestandteile rieselten deutlich hörbar durch die Öffnungen der Trommel...

Nun ja, das alles war dem Vermieter mitzuteilen, der auch promt kam, aber „oben“ abblitzte, wie er wutschnaubend berichtete. Nun kommt er morgen und verstreicht die Löcher in seiner Wohnung mit Gips. Wann er einen Elektriker mitbringt, oder ob er mal wieder selbst eine „neue“ alte Steckdose anschraubt – mal sehen. Auf jeden Fall gilt mal wieder der alte Spruch: Wat den een sin Uhl, dat is den annern sin Nachtigall! Die oben haben sicher bald eine schöne Wohnung, die unten haben eine demolierte. Ob das ein Gleichnis ist? Man kann es so sehen...