Reisebilder aus der Ukraine, der Slowakei, Rumänien und Osteuropa. Reflexionen zum Alltag, Reiseberichte, Kurioses und Interessantes vom Zusammenleben der Völker, Privates für Freunde und Bekannte...

Donnerstag, 3. Juni 2010

Schulbesuch in Drohobych

Am Montag war also offizieller Schulbesuch in Drohobych. Für mich auch Abschied von meinem ersten dortigen Jahrgang. Nach diversen Reden, es sprachen mein Chef als Vertreter der ZfA, ein Stellvertreter des Bürgermeisters, der Leiter der örtlichen Schulbehörde, die Direktorin und natürlich Schülerinnen und Schüler nebst meiner Wenigkeit, gab es das obligate Kulturprogramm und anschließend ein Essen in einem nahe gelegenen Motel. Das Kulturprogramm war ausgesprochen nett anzusehen und im Format gerade so, wie es sein sollte. Nicht zu knapp und nicht zu lang und - wie schon gesagt - äußerst sehens- und hörenswert.

Neben diversen Gesangsdarbietungen karaokegestählter Stimmen aus der 11. und wohl der 8. Klasse gab es einen Kosakentanz der Kleinen mit Mädchenreigen in nationalen Kostümen. Sportlich sportlich die Jungs! Für mich immer wieder sehenswert Khrystyna Kushnir (Bild Mitte), eine Absolventin der 11., die am Ende doch gut Deutsch gelernt hat, aber viel viel besser tanzen kann. Auch die Tanzeinlage zum Abschied war Extraklasse und ich wüsste nicht, was ein Profi da hätte besser machen sollen.

Unten also unser Abschiedsbild. Ab September werde ich wahrscheinlich wieder in Chernivci (Czernowitz) arbeiten, wo wir am Mittwoch zur Diplomverleihung, zu meinem Antrittsbesuch und zur Verabschiedung des dortigen Kollegen waren. So ist es. Die einen bedauern meinen Weggang, die anderen freuen sich auf mein (Wieder)kommen, mir bleiben die gemischten Gefühle, es am liebsten allen Recht zu machen, das aber leider nicht zu können. Mal sehen, wie das die 10er in Drohobych weg stecken. Heute schien es, als herrsche eine Art von bockiger Leistungsverweigerung seit sie wissen, dass ich nicht die ganze Zeit in ihrem Intensivkurs sein werde und dann auch nicht wieder komme. Muss zusehen, wie wir das in den verbleibenden Tagen noch wieder hin kriegen, damit mein Nachfolger einen guten Start hat und die kids was für ihr Leben und nicht nur etwas für ihren Lehrer lernen....

Buczacz- jüdischer Friedhof

Wegen der Diplomübergaben war der Chef in Ivano und wir hatten den Sonntag zu überbrücken, ehe es nach Drohobych gehen konnte. Ich schlug Buczacz vor, weil es in relativer Nähe doch am meisten Sehenswertes bietet. Und so war es auch. Den Pinsel- Altar kann man sich nicht oft genug ansehen und als besonderen Höhepunkt gab es eine Führung durchs Museum. Angeboten hatte sie ein örtlicher Geschichtslehrer, der auch als Reiseführer arbeitet. Es war sehr angenehm, einen Menschen zu treffen, der nicht zuallererst Geld wollte, sondern der offensichtlich stolz auf die Geschichte seines Ortes war, die er in all ihren polnischen, jüdischen und ukrainischen Facetten präsentierte. Dass die Eltern von Siegmund Freud aus Buczacz stammen, wusste ich schon, dass auch Simon Wiesenthal von hier ist, erfuhren wir erst jetzt. Für mich war dann der Besuch auf dem jüdischen Friedhof interessant. Er ist von beachtlicher Größe, wenn auch der mittlere Teil fehlt, weil die Nazis aus den dortigen Steinen Gehwegplatten hergestellt haben. Glücklicherweise ist aber der älteste Teil verschont geblieben, wenn auch völlig überwuchert und kaum noch erreichbar. Unser Führer zeigte mir stolz Grabsteine, die er für einen israelischen Professor gesäubert hatte, und die Inschriften aus dem frühen 17. Jahrhundert tragen. So etwas hatte ich bis dato noch nicht gesehen. Reste eines chassidischen Heiligtums konnten wir aber des dichten Bewuchses wegen nicht auffinden. Da muss ich im Herbst oder Winter noch einmal hin.

Montag, 31. Mai 2010

Wypusk- Abschlussball

Nun haben sie es also geschafft und sie freuten sich auch. Die 11. Klassen der MS 5 in Ivano- Frankivsk gehen nach 10 Schuljahren "ins Leben". Bevor sie ihre neue "Freiheit" mit Alkohol begießen und betanzen konnten, mussten sie allerdings noch Ehrungen (Goldene Medaillen, Sprach- Diplome, Zeugnisse) über sich ergehen lassen und selbst Ehrungen (Direktor, Klassenleiter, erste Klassenlehrerin, der Deutsch- Trottel usw,) aussprechen. Das haben sie alles gut bewältigt, wenn die Veranstaltung auch 3,5 h und mithin eine Stunde länger als geplant gedauert hat...

Auf jeden Fall war es die erwartete Gala der großen Roben. Meine persönliche Favoritin: Khrystyna (Bild oben) mit ihrem glatten und einfach lang fallenden Kleid. Natürlich meint das gar nicht, dass etwa die sympathische Ulyana deswegen etwa nicht hübsch anzusehen gewesen wäre. Das Bild in der Mitte strafte jeden, der das behauptete, Lügen. Aber es ist für mich dennoch schwer, den Ballkleidern aus einer (in meinen Augen) vergangenen Epoche etwas abzugewinnen. Ich mag das Mädel in Jeans! Wie in jedem Jahr haben dann eine ganze Reihe der jungen Damen die grande toilette bereits wenige Minuten nach der Zeremonie abgeworfen. Wollten sie zeigen, dass die Eltern auch noch für etwas bequemere Festgarderobe sorgen können? Oder kamen sie sich verkleidet vor und identifizierten sich nicht wirklich mit der ihnen zugedachten Rolle? Wer weiß...

Ich konnte sie nicht fragen weil ich doch recht frühzeitig ging. Der Tamada (Animateur) forderte die Trinksprüche im Minutentakt ein und obwohl ich mein Glas (entgegen der Sitte) nicht leerte, ahnte ich ein Desaster voraus, dem ich entgehen wollte. Ohnehin schienen mir Lehrer bei dieser Veranstaltung entbehrlich. Wozu Sentimentalität? Wenn jemand wirklich meint, dass z.B. ich auf seinem Lebensweg wichtig war und wenn er mich vermisst, wird er sich melden. Tut er das nicht, ist das nicht weiter schlimm, weil so der Lauf der Dinge ist. Was bleibt, erweist die Zeit, nicht das Ritual. Leeres Ritual? Keineswegs! Nur keines für mich eben, eher eins für alle diejenigen, die daran aus welchen Gründen auch immer wirklich Teil haben.

Da fühlt man sich schon mal ein bisschen fremd inmitten all der Freundlich- und Höflichkeit. Und natürlich gab es auch wieder Programmeinlagen, mit denen ich Schwierigkeiten hatte. Tänzerisch und choreografisch waren die Weißkittel Klasse. Bloß fand ich, der ich schönen Mädchenbeinen gewiss nicht kritisch gegenüber stehe, die öffentliche Präsentation von Unterwäsche doch nicht ganz so toll. Werde ich langsam alt? Möglich wär's ja...

Samstag, 29. Mai 2010

Jugend debattiert international

Am Sonntag bin ich mit Anja und Bohdana aus meiner Schule in Ivano- Frankivsk nach Kiew gefahren, wo das Landesfinale "Jugend debattiert international" stattfand. Beide hatten fleißig Argumente für die Fragen "Sollen in der Ukraine behinderte und nicht- behinderte Schüler gemeinsam unterrichtet werden?" sowie "Sollte nur die schulische Leistung für die Aufnahme an der Universität entscheidend sein?" gesammelt, geistig sortiert und formulieren gelernt. Ein bisschen kurz kam die Vorbereitung auf die Finalfrage "Sollten in der Ukraine Denkmäler aus der sozialistischen Zeit den Status schützenswerter Objekte erhalten?". So richtig glaubten wir alle nicht daran, dass jemand "von uns" im Finale stehen würde. Aber die Mädels hatten Spaß an der Vorbereitung und so habe auch ich es nicht nur als Belastung empfunden, neben all den anderen Aufgaben nun auch noch täglich 3 Stunden mit den beiden zu üben. Und es hat sich gelohnt! Gemeinsam mit ihren Kameradinnen aus Lviv, Kiew, Kharkov, Donezk, Mikolaiv etc. haben sie nach einem dreitägigen Siegertraining spannende und sprachlich wie sachlich hochkarätige Halbfinaldebatten hingelegt. Ich durfte bei meinen Kandidatinnen nicht jurieren und hatte so nur Natalia und Sofia (Bild oben) erlebt. Mit Sofia aus Lviv meinte ich die klare Favoritin für das Finale gesehen zu haben. Aber es seien die beiden aus Ivano auch nicht schlecht gewesen, berichteten die Kolleginnen. Am Ende standen mit Sofia, Natalia (beide Lviv) und Bohdana aus Ivano drei Freundinnen aus der West- Ukraine im Finale. verstärkt wurden sie durch Olessja aus Kharkiv (mit Bohdana Bild Mitte). Anja hat es auf einen beachtlichen 5. Platz unter 16 Teilnehmerinnen gebracht. Was für eine Leistung, mit 16 Jahren in einer nur an der Schule gelernten Fremdsprache öffentlich (es waren über 100 Gäste im Saal, darunter Vertreter der Deutschen Botschaft, des Goethe- Instituts, der Hertie- Stiftung sowie der Stiftung EVZ, der ZfA, des ukrainischen Bildungsministeriums usw.) zu debattieren! Gewonnen hat dann doch Bohdana (Bild unten bei der Gratulation durch meinen Chef Herrn Ax und die Leiterin des Goethe- Instituts) , die mit Natalia aus Lviv im November zum internationalen Finale nach Berlin fahren und eine Auszeichnung aus den Händen des Bundespräsidenten entgegen nehmen wird. Klasse! Die Tage waren anstrengend, aber was ist schöner, als wenn man den Erfolg seiner Arbeit so sympathisch bestätigt sieht?

UPA

Der Kampf um die Deutungshoheit von Geschichte ist voll entbrannt. Mag sein, dass es in Kiew niemanden anhebt, aber hier rüsten die Nationalisten zur Verteidigung eben noch erfolgreich besetzter Positionen. Es gilt, das Andenken Banderas und das der UPA (Ukrainische Aufstandsarmee) hoch zu halten. Einseitigkeiten werden dabei nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern noch forciert. Wen stört es schon, dass - woran erst jüngst Alfred Schreyer aus Drohobych in einem Interview für die FAZ erinnert hat - zehntausende Juden unmittelbar nach dem Einmarsch der Hitler- Truppen erschlagen und deportiert werden konnten, weil sie in einer unabhängigen Ukraine so wenig einen Platz haben sollten wie in einem deutsch besetzten Osten? Vor der hiesigen Synagoge wird nicht etwa an die zehntausenden Mitbürger jüdischen Glaubens, sondern an 13 oder 14 erschossene Kämpfer für die Unabhängigkeit der Ukraine erinnert. Von wem erschossen? Von den angeblich verbündeten Deutschen, die ihre Kampfgenossen nur ausgenutzt und nur solange akzeptiert hatten, wie sie ihnen die "nützlichen Idioten" waren...

Wasserschäden

Zugegeben, es sieht nicht so schlimm aus. Am Anfang tropfte es auch nur ganz leise und ich wusste nicht, woher das Geräusch kommt. Aus der Heizung? Ich schlief ein und bemerkte nichts. Anderntags, die Periode des großen Regens hatte gerade begonnen, fiel mir dann doch etwas auf: Irgendwie sah die Gipskartondecke aus wie der Bauch einer schwangeren Kuh! Au weia! Und richtig- angestochen spie das Euter mehrere Schüsseln Regenwasser aus und seitdem tropfte es und tropfte es und tropfte es. Ich stellte Schüsseln drunter und mir einen Wecker: Jede Stunde in der Nacht Schüssel leeren. Aber wie schlafen zwischendurch? Ich zog ins Nebenzimmer, aber die Gipskartondecke ist durchgehend und verstärkt das Geräusch wie ein Trommelfell. Ich fühlte mich wie der "Schachspieler" in Stefan Zweigs gleichnamiger Novelle: Dem Wahnsinn nahe! Am ersten Tag war der Vermieter nicht erreichbar, am zweiten versprach er, am Tag darauf zu kommen. Er kam und brachte einen Schulfreund mit, der Chef der zuständigen Wohnungsverwaltung ist. Ein Glück, denn in Kiew betragen die "normalen" Reparaturfristen "frühestens in drei Jahren". So versprach man, mich am vierten Tag zu erlösen. Ich war in Drohobych - ziemlich kaputt - und schien erlöst, als ich wieder zu Hause war. Draußen goss es in Strömen und bei mir war Ruhe. Die Nacht zum Sonnabend war ok. Kaum aus Drohobych zurück, hörte ich ein verdächtiges "tick, tick, tick"... Da war es wieder! Ukrainische Wertarbeit? Vermieter anrufen, nicht schlafen, nach Kiew fahren- das war der Ablauf der Dinge. Seither aber ist Ruhe. Möge es so bleiben!

Samstag, 22. Mai 2010

Dovbush- Felsen

Dovbusch ist ein legendärer Karpaten- Räuber, so eine Art Stülpner- Karl mit den Attributen des "Freischütz" von Weber- auch den Ukrainer konnte man nur mit magischen Kugeln zur Strecke bringen! Der das schaffte, hatte allerdings ziemlich weltliche Gründe. Eifersucht! Der freie Kerl gefiel seiner Frau, einer schönen Polin, besser als er. Und so nahm denn das Unheil seinen Lauf...

Bis dahin aber soll er sich wacker gehalten und den Österreichern manch siegreiches Scharmützel geliefert haben. Angesichts der dem Elbsandsteingebirge ähnlichen Felsformation, an der man sichtbare Spuren vergangener Wehrmauern und Wohnhöhlen findet, ist das nicht unwahrscheinlich. Mit Kanonen kam man wohl nicht durch den Wald und ein paar Leuten zu Fuß mögen die wilden Kerle in ihrer "Burg" schon standgehalten haben.

Aber das alles wusste ich lange Zeit nicht, obwohl ich zwei Mal die Woche durch Bolechiv fahre, wo der Wegweiser nicht zu übersehen ist. Dann hörte ich die Geschichte und nahm mir vor, selbst diesen Unterschlupf in Augenschein zu nehmen. Dieses Mal hat es geklappt. Mitten in einem Regenloch war Zeit genug, die 10 km zu fahren und die letzten zwei vielleicht zu Fuß zu gehen.

Was ich dort sah, hat mich doch erstaunt. Mitten in der Karpaten- Landschaft uralte Gesteinsformationen, die dort nicht hin zu gehören scheinen. Genutzt werden sie heute vor allem als Kletterfelsen- so war es nicht verwunderlich, dass mir Taras auf dem Fahrrad entgegen kam. Taras und Anja klettern oft hier! Und haben nie was gesagt! Sie fahren in aller Frühe mit der Bahn bis Bolechiv und dann mit dem Fahrrad zu den Felsen. Wenn die Touristen kommen, sind sie fertig und fahren wieder ab. Geeignet ist das Gelände, denn ähnlich dem Elbsandsteingebirge gibt es zerklüftete, aber kerzengerade aufsteigende Wände, in die diverse Ösen zur Befestigung der Sicherungsleinen eingelassen sind. Es sind Höhen für alle Schwierigkeitsstufen vorhanden. Nicht alle haben es immer geschafft, wovon die vielen Kreuze und Tafeln an den Wänden zeugen.

Sowieso is den een sin uhl, wat den annern sin nachtigal, meint, nicht alle sind zufrieden mit dem Kletterparadies. Immerhin soll das alles ein Naturdenkmal im Naturschutzgebiet Karpaten sein. zu Sowjetzeiten war der Zugang limitiert und man musste ein billet kaufen. Jetzt zelten die Leute wo sie wollen, machen Feuer und lassen ihren Dreck liegen- wie überall.

Egal. es ist schon dort. Im Sommer bei schönem Wetter fahre ich sicher noch mal hin und sowieso habe ich jetzt einen Ort mehr, den ich vorzeigen kann. wenn mich jemand besuchen kommt.