Reisebilder aus der Ukraine, der Slowakei, Rumänien und Osteuropa. Reflexionen zum Alltag, Reiseberichte, Kurioses und Interessantes vom Zusammenleben der Völker, Privates für Freunde und Bekannte...

Samstag, 19. September 2015

Hansestadt Tallin

Wir wohnten in Tallin in unmittelbarer Nähe zum Zentrum, fanden aber das "bayrische Ambiente" nicht ganz angemessen. Ich hatte glatt übersehen wie das Hotel hieß. Warum ist es immer die Hauptstadt Bayerns, warum sind es immer "Oktoberfest" und "Paulaner", die "Deutschland" sogar dann noch repräsentieren, wenn man als Stadtkommune jahrhundertealte Beziehungen z.B. zu Hamburg und anderen deutschen Hansestädten hat? Und welch stolze Tradition! Die beinahe vollständig erhaltenen Stadtmauern (Bild oben) künden von Reichtum und Macht einer Stadt, die wenigstens im Souvenirladen u.a. auch an meine kleine Heimatstadt, die Hansestadt Wismar, erinnert. (Bild zwei zeigt das Wismarer Wappen!) ;-)

Anders als in Riga stellte sich in Tallin allerdings kein "Heimatgefühl" ein. Das liegt am fast vollständigen Fehlen von Elementen der Backsteingotik. Die Stadt ist - bis auf die Dächer - nicht rot, sondern muschelkalk- weiß. Das sieht man sehr schön an einem der ältesten der bedeutenden Baudenkmäler des Zentrums, dem Hanse- Haus. (Bild drei) Außen wie innen ist es historisch gestaltet und sogar draußen sitzt man abends noch ganz stilecht unter brennenden Fackeln. Uns war es aber etwas zu touristisch (und wohl auch zu teuer), so dass wir unter dem offenen Feuer nicht Platz nahmen. Stattdessen fanden wir ein nettes russisches Restaurant, das neben dem preiswerten und schmackhaften Essen einen unendlich schönen Blick auf eine oft menschenleere Gasse direkt hinter der Stadtmauer zu bieten hatte.

Aber Tallin bietet nicht nur eine perfekt erhaltene und gut restaurierte Altstadt mit deutsch- baltischen Elementen, sondern auch viele Monumente der russischen Zeit. Neben einigen russischen Kirchen ist der Schloss- und Parkkomplex sehenswert, der auf Peter I. zurückgeht. (Bild vier) Wir wollten aber das Meer sehen, das man etwas außerhalb der Stadt am besten genießen kann. Man sieht nicht nur die Silhouette der Stadt (Bild fünf), sondern staunt auch über die große Zahl moderner Fähren, die bald im 15- Minuten- Takt den Hafen ansteuern oder verlassen und die einen großen Bogen steuern, um das offene Fahrwasser zu erreichen.

Sollten wir nach Narva fahren? Wir entschieden uns, lieber diese herrliche Stadt noch einmal zu genießen und bleiben auch am zweiten Tag in der Altstadt. Es gab einfach zu viel zu entdecken! Obwohl es z.B. keine Hinweise gab, was sich hinter der geheimnisvoll und altehrwürdig aussehenden Tür in einem alten Haus hinter der Mauer (ganz in der Nähe des russischen Restaurants) verbirgt, fanden wir nach dem Eintritt die ukrainisch- orthodoxe Kirche der Stadt! (Bild sechs) Darauf wiesen neben dem Ikonostas (Bild sieben) die vielen Hinweise auf den Kampf um die ATO hin; es gab sogar das schwarz geschmückte Bild eines jungen Mannes, der bei den Kämpfen getötet wurde. Mag sein, er (oder seine Familie) waren bzw. sind aus Tallin oder sind jetzt erst zugezogen. Warum duckt sich die Kirche so heimlich hinter die Mauer? Das Ukrainische sollte populärer als das Russische sein! Hm, Russisch ist jedenfalls in den Straßen von Tallin oft zu hören und man hat nicht das Gefühl, es mit einer diskriminierten Sprache/ Minderheit zu tun zu haben. Aber Gefühle können natürlich auch täuschen....

Auch sonst gibt es viele alte und schöne Kirchen. In einer (Bild acht) fanden wir das neu und mit einer Tafel in Deutsch und Estnisch auffällig gestaltete Grab des Balthasar Rüssow. Uta kannte den Mann aus einem historischen Roman und wunderte sich, eine historische Persönlichkeit vor sich zu haben; ich schämte mich, da ich in alten Chroniken von Rüssow gelesen und den Autor dennoch vergessen hatte. Unweit von uns stand eine Este, der an einem Stand Kirchenmaterial und Stadtführer etc. anbot. Er freute sich sichtlich, dass Brüssows Grab die Aufmerksamkeit deutscher Touristen gefunden hat! Sonst ist mir der Wappenschmuck (Epitaphien) der Kirchen in besonderer Erinnerung geblieben. So viele sah ich nie an einem Ort! Der gesamte preußische Adel schien vertreten; dazu viele Familien, die aus der russischen Geschichte bekannt sind. In St. Marien fanden wir z.B. das Grab von Krusenstern, dessen Name heute über einen russischen Segler, die "Krusenstern" eben, immer noch populär ist.

Wir "fanden" eine Grablege? Ja, denn obwohl Uta immer mal wieder aus dem Rieseführer die wichtigsten Eckdaten der Geschichte rauskramte, ließen wir uns ansonsten treiben. Wozu ist Vollständigkeit gut? Was bedeutet es "alles gesehen zu haben"? Was ist ALLES? Finden ohne zu suchen und auslassen, was sich nicht ohne Weiteres finden lässt... - das kann auch eine Methode sein, Urlaub in fremden Städte zu genießen. Mich hat der Bildungsterrorismus von Reiseführern und Stadtbilderklärern immer schon genervt. Nicht Wissen will ich mitnehmen, sondern Eindrücke; das Gefühl DA gewesen zu sein und es genossen zu haben reicht vollkommen. Den Rest kann man zu Hause nachlesen oder es eben auch lassen. Was mich nicht unmittelbar berührt, brauche ich - zumindest im Urlaub - nicht wirklich.   

Und so streiften wir wieder und wieder durch die Stadt, tranken hier und da einen Kaffee, aßen zu Mittag in der geliebten alten Straße, entzifferten Wappenschilder und Inschriften und lasen die vielen historischen Informationen, die auf Glastafeln an allen möglichen wichtigen Gebäuden angebracht waren. So entging uns nicht, in welchem Haus Dostojewski einst wohnte; wir fanden Adelssitze und Konsulatsgebäude und was so eine alte Stadt sonst noch zu bieten hat. Natürlich das Rathaus (Bild neuen) und eben alte schöne Giebelhäuser. (Bild zehn)

Lustig eine Hinterhofgasse, auf der wichtige Etappen der estnischen Geschichte in Form von Tafeln, die in den Gehweg eingelassen sind, dokumentiert werden. Von nationalem Optimismus zeugt die letzte Tafel mit der Jahreszahl 2418, die das Datum des 500. Geburtstages des estnischen Staates anzeigt. Hm, bis dahin sind die "Zwischenspiele" der Sowjetzeit vielleicht wirklich vergessen. Aber wie dem auch sei. Wir hatten und haben nichts dagegen, dem jungen Staat eine lange friedliche Geschichte und den Esten noch viele Erfindungen a la skype und Erfolge wie "überall kostenloses W- LAN" zu gönnen. In letzterer Hinsicht sind sie ja Vorbild für den Rest von Europa inklusive der Telekommunikations- Wüstenei Deutschland. ;-) War Tallin der Höhepunkt unserer Reise? Uneingeschränkt JA!

Freitag, 11. September 2015

Tartu (Dorpat)

Die Strecke Riga- Tallin ist nicht so weit, als dass ein Umweg unmöglich wäre. Und so erfüllte ich mir den Wunsch, die Stadt zu sehen, die als "Dorpat" für seine Universität und mithin durch deren Absolventen berühmt geworden ist. Tartu ist heute die zweitgrößte Stadt Estlands und bestätigt die Aussage des Reiseführers, dass Estland Estland und Tallin Tallin sei. Kurz, in den Städten und Dörfern ist nix los, obwohl uns das Land insgesamt als das reichste der drei besuchten Staaten erschien. An Sauberkeit und Aufgeräumtheit schlägt es sogar das schon gelobte Lettland um Längen. Sogar mein Vater würde hier nichts auszusetzen haben, weil sein "wie in Deutschland" unserem Heimatland eher schmeicheln würde, als dass er wahr wäre. Parks und Straßen, Straßenränder und Plätze- alles war pikobello aufgeräumt und sauber gehalten. Wären die Plätze nicht so alt, könnte man von "klinisch rein" sprechen, aber Altertümer verströmen doch immer einen "bröckelnden" Charme und so konnte man es aushalten. ;-)

Dorpat am Embach (Bild oben) also. Ein paar historische Straßenzüge sind geblieben, aber sie wirken eher museal und verlassen. So als ob immer noch niemand glauben will, dass man in den alten und zu Sowjetzeiten sicher jenseits von jedem "Standard" befindlichen Hausruinen wirklich leben kann. Man saniert und renoviert, aber die Stadt lebt in ihrem historischen Zentrum eher nicht. Die paar Restaurants und Freisitze in den vom Marktplatz wegführenden Straßen (Bild zwei) sind wohl eher für Touristen. Jedenfalls hörte man überall Englisch und Deutsch.   

Aber die Universität und ihr historisches Hauptgebäude (Bild drei) gibt es! Oberhalb des klassizistischen Baus befindet sich ein Park auf einem (wahrscheinlich alten) Burgberg, in dem diverse Denkmäler an berühmte Gelehrte und Professoren erinnern. Leider nichts von Klinger und Lenz, die wenigstens eine Zeit ihres Lebens hier zugebracht haben. Aber sei's drum. Die Ruine des alten Doms zeigt den einstigen Glanz und Reichtum der Stadt. Heute ist die Ruine gesichert. In ihrem Innern befindet sich eine Art Winterkirche (viertes Bild) mit Hochzeitssaal oder so etwas. Jedenfalls beobachteten wir eine Hochzeitsgesellschaft, die so auch in Kiew oder Chernivci hätte zusammenkommen können.

Das Fehlen einer imposanten und geschlossenen Altstadt mag außer auf die Kriegseinwirkungen auch darauf zurückzuführen sein, dass früher sicher viele Holzhäuser das Stadtbild prägten. Ein besonders schönes Beispiel existiert noch in Form eines Puppentheaters. (Bild unten) Immerhin hat die Sowjetmoderne die Altstadt verschont, so dass sie jetzt doch einer neuen Blüte entgegen gehen  kann. Insgesamt haben wir den Abstecher nicht bereut. Ich sowieso nicht, denn kaum etwas macht den Ausbruch des "Sturm und Drang" nachvollziehzbarer als die ahnbare Enge einer Stadt, die sich vor 200 Jahren wie die Gassen rund um die Stadtpfarrkirche präsentierte. Da musste man raus, musste ins Weite, musste - wie Lenz - nach Königsberg. Und das stimmt auch dann noch, wenn man weiß, dass Klinger hier "nur" gestorben ist. Ich weiß nicht mehr genau, warum dort und nicht woanders. Hatte er einen Lehrauftrag? Ja, sagt Wikipedia: Er war Kurator der Universität im Auftrag des russischen Bildungsministeriums. Ja, Schlosser war Schuld, Ich erinnere mich...


Cesis

Nachdenken und feststellen: Ja, wir haben an einem Tag Sigulda und auch Cesis besucht! 3 Burgen an einem Tag! ;-) Am späteren Nachmittag sind wir also von Sigulda nach Cesis weiter gefahren.  Wie beschrieben ging es um Sigulda herum und über Cesis dann nach Riga zurück. Auch hier in Cesis haben die Ordensleute eine imposante Burg(ruine) aus Feldsteinen hinterlassen. (Bild oben) Das Schloss funktionierte noch zu Sigismund III. (Vasa) Zeiten, der Livland für die polnische Krone erwarb, und wurde erst - Ironie des Schicksals - durch den Schweden Gustav Adolf zerstört. Nun hat man es als Ruine gesichert (Bild Mitte).

Als wir dort ankamen war ein Volksfest in vollem Gange. Die Stadt selbst bietet, obwohl auch sie zeitweise der Hanse angehörte, nicht viel, lebt aber immer noch von dem Umstand, dass hier 1560 eine der ältesten Bierbrauereien des Baltikums in Betrieb ging. Vor der Burgruine steht das "Neue Schloss", um das herum der Trubel stattfand. (Bild unten). Neben den üblichen Souvenirständen gab es jede Menge Handwerkskunst und Auftritte von Volkslied- Sängern. Einen hörte ich bei seiner Zugabe und bis heute ist mir nicht klar, ob er Mongole oder Einheimischer war. Er imitierte mit seinem Gesang eher ein dunkel und sonor klingendes Musikinstrument, als dass er sang. So viele Vokale! Der Tracht und dem Gesicht nach könnte er Asiate gewesen sein; ebensogut vielleicht ein Lappe oder... Keine Idee. Es klang jedenfalls gut und sehr sehr ungewöhnlich...

Der Abend klang dann auf dem Ponton- Restaurant in Riga aus. Das schrieb ich schon. Wir blickten ein bisschen wehmütig auf die schöne Silhouette der Stadt und auf die erlebnisreichen Tage im Land der Letten und Liven zurück. Und doch waren wir gespannt, was uns in Estland und besonders in Tallin erwarten würde.


Lettland: Gauja- Nationalpark

Was hat Lettland noch zu bieten? Von Riga aus in Richtung Estland liegt der kleine sehr gepflegte Ort Sigulda. Uta wusste, dass dort eine Bobbahn sein muss. Wir fanden sie ebenso wie eine Ski- Abfahrtstrecke von den die Gauja umgebenden Höhen ins Flusstal hinab. (Bild oben) Ski- alpin in Lettland! ;-) Jetzt nutzt man sie als Sommer- Bob- Bahn. Wir sahen eine Gruppe junger Leute mit einem "Schlitten" hinabfahren, der an Stelle der Kufen große Gummireifen hatte. Vorne steuerte wohl ein professioneller Bobfahrer...

Immerhin ist das Land hier nicht bloß flach, sondern ausgesprochen reizvoll. Uns interessierten ein neugotisches Schlösschen mit romantischem Park (zweites Bild) und die dahinter liegende Feste Segewold (drittes Bild) aus dem 13. Jh. Der Schwertbrüderorden hat mehrere Burgen dort errichtet; aber warum Segewold ein Feldsteinbau (obwohl gotisch) und das auf der anderen Talseite gelegene Turaida (ebenfalls vom Anfang des 13. Jhs.) ein Backsteinbau ist, darüber gab es keine Auskunft. Turaida (Bild vier) war sicherlich komfortabler, was schon die ähnlich den römischen Vorbildern konstruierte Fußbodenheizung zeigt. Sehenswert sind beide Ruinen, wobei Turaida noch mit dem ringsherum gebauten Freilichtmuseum und einem Skulpturenpark glänzen kann.  

In dem Nationalpark kann man wandern, Rad fahren und ein paar Höhlen besichtigen. Oberhalb des Tals gibt es auch einen kleinen Vergnügungspark mit Riesenrad und so was. Die unten im Tal der Gauja gelegenen Höhlen (Bild unten) gehören zu den ersten touristischen Zielen, die im 19. Jh. als solche erschlossen wurden. Man sieht überall an den Wänden Inschriften aus dem romantischen Jahrhundert. Romantisch ist sicher auch die Legende, die die Entstehung der in der Höhle entspringenden Quelle erklärt. Natürlich war wieder ein böser Mann mit im Spiel. Seine Boshaftigkeiten brachten die holde Jungfrau zum Weinen und das Wasser ihrer Tränen ist nun das Quellwasser. Warum sie dort auf ewig weint, habe ich aber vergessen. Es gibt eine Reihe Kioske in der Nähe und eine wirklich herrliche Landschaft. Vom Turm der Burg hat man einen fantastischen Ausblick ins Land.

Unglaublich ist eigentlich, wie gepflegt das ausgedehnte Areal ist. Es wirkt, als würden alle Bürger des kleinen Ortes den ganzen Tag nichts anderes machen als Rasen mähen und Blumen pflanzen. Ein paar der alten, in einem an den Bäderstil erinnernden Baustil errichteten Hotel- und Restaurationsbauten aus früherer Zeit sind schön restauriert und warten auf Kunden. Außer uns waren aber nicht allzu viele Menschen da. Schade eigentlich, denn nicht nur die hübsche Terrasse, auf der wir saßen, war empfehlenswert, sondern auch das preiswerte Essen kann man nur anpreisen. Wir fuhren dann in einem weiten Bogen um Sigulda herum, um noch etwas vom Land zu sehen. Überall werden neue Datschen errichtet und auch an den Wohnhäusern der Region finden unübersehbar Renovierungsarbeiten statt. In Litauen waren die noch bewohnten kleinen Häuschen auch oft mit neuen Fenstern versehen und man kann annehmen, dass sie weiter bewohnt und also hergerichtet werden sollen. In Lettland aber sieht man Umbauten und Renovierungen in weit größerem Umfang. Das Resultat sind schöne moderne Häuser mit gepflegten Gartenanlagen drumherum. Kurz: Sigulda hat uns sehr gefallen.





Jurmala

"Jurmala" klingt irgendwie Finnisch und ist mir als sowjet- exotisch noch im Ohr. Wie viele Schlager mögen diesen Strand (Bild oben) besingen? Neben der Krim war der ausgedehnte Kurort, heute an die 30 km lang (!) und ansonsten an "normale" Ostsee- Bäder erinnernd, der wohl populärste Erholungsort der Sowjetunion. Natürlich mussten wir dahin. Das Gelände liegt auf der Rückseite der Riga gegenüber liegenden Landzunge, auf der auch unser Hotel steht, und ist schnell zu erreichen. Angesichts der Geschichte nach 1945 ist das fast völlige Fehlen der gigantischen und gesichtslosen Hotelbunker, die manche Landschaft bei Jalta, Aluschta usw. verunstalten, doch auffällig. Man hat offenbar die überkommenen Villen im norddeutschen Bäderstil (Bild zwei) weitergenutzt und vernutzt. Einige solcher "Buden" sahen wir noch. In manchen wohnten offensichtlich Menschen seit vielen Jahren. Aber davon gibt es nicht mehr viele. Die meisten der z.T. prunkvollen und von großen Gärten umgebenen Villen haben offensichtlich zahlungskräftige Investoren gefunden. In den Car- Ports stehen die passenden Limousinen und es gibt Restaurationen, die nicht mehr für "Jedermann" sind. Adrenalinsüchtige Spinner können auch die hoch hängende Gondel eines Vergnügungsgeräts mieten und dort oben dinieren. Werden die jedes Mal herabgelassen, wenn einem die Vodka- Blase drückt? Das sahen wir nicht. Die Geschichte und ihre Bilder hinterließen hier auch Spuren. Unweit des zentralen Boulevards steht die Figur eines lettischen (?) Helden, der dem teutonischen Drachen den Kopf abschlägt. Interessant die Frage, ob das ein Überbleibsel aus Sowjetzeiten ist, oder ob sich nun die Letten zu Siegern in den Kriegen gegen die Deutschen erklären wollen? In der Ukraine stehen ja nun auch schon überall T- 34 mit ukrainischer Fahne statt Sowjetstern rum und künden vom ruhmreichen Sieg der Ukraine über Hitler- Deutschland... ;-)      

Wir haben dort jedenfalls in einem grusinischen Lokal lecker gegessen und nur die eher etwas unengagierte Bedienung verflucht, deren Arbeitsfleiß in die Sowjetunion gepasst hätte. Lange zu warten hatten wir am letzten Abend in Riga nicht. Auch auf der schwimmenden Plattform, von der aus wir das etwas täppische Ablegemanöver neureicher Russen (?) beobachten konnten, die dann auch noch ihre gerade gekaufte Vodka- Flasche vergaßen, war das Essen super-lecker. Aber dafür bezahlten wir den Blick auf die fantastisch- turmreiche Silhouette Rigas mit. Das teuerste Essen unserer Reise. Und trotzdem war es gut. Der abendliche Blick über den Sund auf die Stadt...- das hat schon was ...



Die alte Hansestadt Riga

Der erste Rundgang vermittelte den Eindruck einer kleinen Altstadt, die ich als Hansestädter nicht beschreiben muss. Es reicht der Hinweis auf norddeutsche Hafen- und Handelsstädte. Anderntags bemerkten wir doch, dass schon der innere Stadtring von Riga doch größer ist. Und natürlich ist viel los. Überall Kneipen und Freisitze, Restaurants und Clubs. (Bild oben) Für mich war Herder wichtig, dessen Denkmal wir auch gleich fanden. (Bild zwei) Es steht vor seinem ehemaligen Wirkungsort und nun war es mir fasslicher, im Tagebuch seiner Überfahrt von dem Ostseeturn zu lesen, der einem so deplaziert vorkommt, wenn man nur Weimar als Zentrum seines Wirkens vor Augen hat. Klar, die alten Gildehäuser suchen ihresgleichen im Ostseeraum. In Belgien wären sie vielleicht weniger aufgefallen. Aber sie deuten an, dass Reichtum durchaus auch im Ostteil des alten Hansegebiets zu Hause war. (Bild drei) Nicht auf dem Bild, weil es den Eindruck stört, ist der schwarze sargähnliche Bau, der nun das Okkupationsmuseum beinhaltet. Brrr... Überhaupt sind die Bezugnahmen auf die sowjetische Zeit ziemlich platt. Schon in Vilnius sahen wir die typischen Straßen- Lampen mit rotem Stern im Lorbeerkranz, aus dessen Rund man den Stern fein säuberlich ausgesägt hatte. Im Vordergrund stehen die Leidensgeschichte der Bürger und atmosphärisch der "Hass auf alles Sowjetische/ Kommunistische". Von historischer Einordnung, Differenzierung oder wenigstens Erklärung keine Spur. Stattdessen Seitenhiebe auf Putins Russland. Dabei hörten wir viel Russisch auf der Straße. In Litauen fiel auf, dass viele Kellnerinnen und Kellner mühelos ins Russische wechseln, wenn sie auf Russisch angesprochen werden; in Riga hörten wir erstmals beim Personal mehr Russisch als Lettisch.

Sei's drum. An die Altstadt, die ähnlich wie Lübeck von der einen Seite durch einen Wasserlauf und von der anderen von der Ostsee geschützt wurde, schließt sich die "Neustadt" an. "Neustadt" meint hier ein großes Areal im Stil der Jahrhundertwende und der zwanziger Jahre. Am Eingang steht eine Art Siegessäule mit einer Frauenfigur obenauf. Sie ähnelt der Säule auf dem Kiewer Maidan, ist aber schlanker und höher. An der Hauptachse dort steht eine große russische Kirche und es gibt viele Boutiquen und Geschäfte. Wir speisten in einem Hinterhoflokal mexikanisch und waren's zufrieden. Die deftige lettische Küche sprach uns beide nicht an und der Freisitz im Hof war witzig gestaltet und das Menü kann man "sehr preiswert" nennen.

Wir gingen allerdings nicht weiter in diesen Stadtteil hinein, sondern wählten den Weg an den alten Wällen entlang, der nun durch eine schöne Parkanlage führt. Unser Ziel waren die Markthallen, deren Interieur und Verkaufskultur an den "Besarabski" in Kiew erinnert. Fleisch liegt in Kühltheken aus, etwas weiter gibt es Obst und Gemüse und auch Öl, Teigwaren, Uhrmacher und Stoffverkäufer fehlen nicht. Hier kaufen die, die sich die schicken Läden in den neuen Einkaufszentren davor nicht leisten können. Aber nicht das wollte ich sehen. Vielmehr reizten mich die Hallen als solche, denn es sind alte Zeppelin- Hallen! (Bild vier) Wenn man sie von innen her als solche ansieht, bekommt man erst einen richtigen Eindruck von dem Volumen der Gaszigarren! Drei Stück gibt es davon.

Unweit der heutigen Markthallen findet sich die "Speicherstadt". (Bild unten) Nicht so hoch und groß wie das Hamburger Pendant, aber doch ausgedehnt und von regem Handel und Wandel kündend, ist es heute recht ruhig dort. Es gibt einige Clubs, viele Büros, auch Lager und einige Verkaufsräume. Während der Nazi- Zeit diente das Viertel als Ghetto, wovon ein Museum ganz am Ende zeugt. Ja, dieses Museum legt wirklich "Zeugnis" ab. Neben einigen Ausstellungshallen mit Filmausschnitten, Dokumenten, Möbeln usw. beeindruckt die lange Wand mit der unendlichen Reihe eingravierter Namen der Opfer. (Vorletztes Bild) Im Hintergrund sieht man die russische Kirche, die noch von (schlecht erhaltenen) Holzhäusern umgeben ist...- das sogenannte "russische Viertel". Dort steht auch das ebenfalls ziemlich heruntergekommene Monument der "Freundschaft zur Sowjetunion", eine Gebäude im pyramidalen Zuckerbäckerstil ähnlich dem Kulturpalast in Warschau. Es dient immer noch der lettischen Akademie der Wissenschaften als Domizil. Um dieses Hochhaus ist es nicht schade, aber um den Zustand des gesamten Areals schon. Es hat Flair und man kann nur hoffen, dass "trotz der russischen Vergangenheit" die Häuser bald als erhaltenswert erkannt werden. Die hinter unserem Hotel befindlichen Holzhäuser im ähnlichen Stil sind z.T. bereits nobelsaniert. Aber das ist sicher der Lage gegenüber der Altstadt und der Nähe zu den Marinas geschuldet.


Rundale und Bauskas

Naja, wer bei Frau Prof. Chr. Träger "zur Schule" gegangen ist kennt sich mit den Birons aus, und so mussten wir natürlich Rundale sehen, das Schloss, das einst Anna Iwanowna für ihren Favoriten, den Herzog von Kurland, bauen ließ. Architekt eben jener Rastrelli, von dem so viele Bauten in Russland und der Ukraine sind. Ich sah schon das Winterpalais in weiland Leningrad und später den Marienpalast und die Andreas- Kirche in Kiew. Nun also das monströse Rundale. Es ragt etwas kahl aus einer reizlosen lettischen Landschaft, die zu verschönern ein Kanal und ein Barock- Garten angelegt wurden. Dabei hätte nur ein englischer Park, hätten nur hohe Bäume den Eindruck des Monumental- Wuchtigen und Deplazierten mindern können! Rokkoko? Da ist nichts Leichtes, nichts Verspieltes, nur endlose Fensterreihen. (Bild oben) "Versailles des Ostens" mag insofern stimmen, als es nichts Vergleichbares in der Region gibt. Aber "schön" oder "hübsch" ist anders. "Interessant"- das mag stimmen. Das Wetter war regnerisch und wir hatten keine Lust, inmitten diverser Reisegruppen das Interieur zu besichtigen.

Ich kam dennoch auf meine Kosten. Auf dem Weg nach Rundale sahen wir eine Burg, die auf dem Rückweg zu besichtigen wir uns vorgenommen hatten. Bauskas. Bauskas? Im 15. Jh. von den Deutschordensrittern errichtet, war es danach Residenz der kurländischen Herzöge. Und ich hatte noch nie was davon gehört! Schande. Die Renaissance- Anlage mit der Ruine des Ordensschlosses (zweites Bild) ist gut erhalten, liegt in einer hügelig- waldigen Umgebung am Zusammenfluss zweier Flüsse (u.a. Memel) Ich stand in einem der vielen Räume und hörte eine gute halbe Stunde den Proben zu einer Aufführung mittelalterlicher Musik zu. Das passte großartig, denn draußen rann der Regen in Strömen vom Himmel... An Interieur ist in der im nordischen Krieg verwüsteten Anlage nicht mehr viel zu sehen; dennoch gibt es schöne Öfen, Fußböden, Balkendecken usw. Neben den Wappenstühlen des herzoglichen Paars fielen die
wappengeschmückten Fenster (Bild unten) auf, da sie u.a. auch das Wappen Mecklenburgs zeigten. Da gab es also dynastische Verbindungen.

Von der Fahrt nach Riga ist nur zu berichten, dass einem die niedrigen Nadelholzwälder irgendwann auf den Keks gehen. Das Land ist platt und ohne Seen oder Flüsse. Langweilig. Allerdings fiel gleich nach der Grenze auf, dass Dörfer jetzt wieder aus einem Haufen Häuser mit einer Kirche in der Mitte bestehen und sowohl die Straßenränder als auch die Häuser und Gärten fein gehäckelt und geputzt daher kommen. Das Land sieht aufgeräumter aus als Litauen und man sieht, dass mehr Geld im Umlauf ist. Aber eine urbane Landschaft ist es nun wirklich nicht. Da wundert man sich mehr noch als im Falle von Litauen, wo ich das annahm, wie einsam und trotzdem raumgreifend plötzlich die Riesenstadt Riga aus der Wüstung auftaucht. Wir bezogen unser hübsches kleines Hotel der Altstadt genau gegenüber (Bild unten- Blick aus dem Fenster) und erfreuten uns trotz des regnerischen Wetters am Panorama der großen alten Hansestadt. Lübeck und Rostock lassen grüßen. Ich fühlte mich gleich wie zu Hause. ;-)